US-Forscher haben die Rolle eines Energiespar-Gens bei der Entstehung von Übergewicht geklärt: Sie konnten zeigen, dass die Erbanlage namens crtc3 den Energieumsatz in Fettzellen beeinflusst. Träger einer besonders aktiven Variante von crtc3 sind der Studie zufolge Energiesparer – sie verbrennen weniger Fett und neigen deshalb dazu, Rundungen und Fettpölsterchen zu entwickeln. Diesen Zusammenhang konnten die Forscher sowohl beim Menschen nachweisen als auch bei Mäusen dokumentieren. So entwickeln Tiere, bei denen crtc3 ausgeschaltet ist, trotz kalorienreicher Ernährung kein Übergewicht. Sollte es also gelingen, crtc3 auch beim Menschen auszuschalten oder zumindest die Aktivität zu verringern, könnte das völlig neue Behandlungsansätze gegen Übergewicht ermöglichen, schreiben die Wissenschaftler um Marc Montminy vom Salk Institute in La Jolla im Fachmagazin “Nature”.
Frühere Studien hatten bereits darauf hingedeutet, dass das crtc3-Gen eine wichtige Funktion bei der Steuerung von Stoffwechselvorgängen innehat. Um nun seine Rolle im Energiestoffwechsel genauer umreißen zu können, schalteten die Forscher das Gen bei ihren Test-Mäusen aus. Diese Versuchstiere durften anschließend ordentlich schlemmen: Eine kalorienreiche Diät sollte zeigen, welchen Effekt die fehlende Erbanlage auf die Gewichtszunahme hat. Als Vergleichstiere dienten Mäuse mit einem unveränderten crtc3-Gen.
Die Tiere ohne crtc3 blieben trotz üppiger Futterportionen schlank, während ihre Artgenossen in der Kontrollgruppe heftig an Gewicht zulegten. Eine genauere Untersuchung zeigte: Die Mäuse, denen crtc3 fehlte, hatten doppelt so viel sogenanntes braunes Fettgewebe gebildet. Diese spezielle Variante des Fettgewebes hat eine andere Funktion als das normale weiße Fettgewebe, aus dem auch das berüchtigte Hüftgold besteht: Während in letzterem Energie in Form von Fetten und Fettsäuren eingelagert wird, findet in braunem Fettgewebe ein schneller Energieumsatz statt – Fettsäuren werden dort bei Bedarf verbrannt, um möglichst schnell Wärme zu erzeugen. Es gibt bereits Hinweise, dass Menschen, die zu einer schlanken Linie neigen, auch überdurchschnittlich viel braunes Fettgewebe besitzen.
Um die Bedeutung von crtc3 auch beim Menschen zu dokumentieren, durchforsteten die Wissenschaftler Patientendatenbanken auf der Suche nach Trägern einer speziellen Variante dieses Gens. Sie ist aktiver als andere Versionen, sollte also den gegenteilige Effekt erzielen wie bei den Mäusen ein, bei denen das Gen ausgeschaltet war. Tatsächlich fanden die Forscher bei einer Gruppe mexikanisch-stämmiger US-Amerikaner genau den erwarteten Zusammenhang: Diejenigen mit der aktiven crtc3-Variante neigen auch deutlich häufiger zu Übergewicht.
Wie genau crtc3 den Stoffwechsel und die Menge des braunen Fettgewebes beeinflusst, bleibt noch zu klären. Offenbar seien aber wohl nicht nur falsche Ernährung und zu wenig Bewegung die Ursachen von Übergewicht, sondern auch die Veranlagung. Die Evolution habe uns dieses Erbe beschert, erläutern sie: In der Entwicklungsgeschichte des Menschen hatten diejenigen einen Überlebensvorteil, deren Veranlagung sie zu Energiesparern machte – schließlich waren sie besser für schlechte Zeiten gerüstet. Heutzutage verkehre sich dieser Vorteil allerdings ins Gegenteil und die besonders sparsamen Menschen entwickelten Übergewicht – samt all den damit verbundenen Gesundheitsproblemen. In den neuen Ergebnisse stecke jedoch großes Potenzial: “crtc3 könnte ein Schalter sein, mit dem sich die Zahl der braunen Fettzellen beeinflussen lässt – vielleicht eine zukünftige Möglichkeit, Übergewicht zu kontrollieren”, sagt Marc Montminy.
Marc Montminy (Salk Institute in La Jolla) et al.: Nature, Bd. 468, S. 933 dadp/wissenschaft.de ? Martin Vieweg




