Die Forscher sind dem Ursprung der Spanischen Grippe mit einem genetischen Verfahren nachgegangen, das Rückschlüsse auf das Alter bestimmter Erbgutveränderungen von Influenza-Stämmen zulässt. So konnten sie die Entstehungsgeschichte des Erregers mit bisher unerreichter Genauigkeit rekonstruieren. Ihren Analysen zufolge hat er sich in der Zeit kurz vor dem Jahr 1918 durch die Kreuzung eines Vogelgrippevirus mit einem menschlichen Virus entwickelt, der vermutlich damals bereits seit 10 bis 15 Jahren beim Menschen vorkam.
Schlüsselfaktor: Grippeinfektionen in der Kindheit
Den Forschern zufolge waren Influenza-Infektionen in der Kindheit der Schlüsselfaktor bei der Empfindlichkeit verschiedener Altergruppen gegenüber der Spanischen Grippe. Menschen, die 1918 älter als 40 Jahre waren oder jünger als 20, hatten in ihrer Kindheit saisonale Grippewellen durchlebt, für die Erreger verantwortlich gewesen sind, die denen der Spanischen Grippe ähnelten. So war ihr Immunsystem auf den Kampf gegen diese Erreger bereits teilweise vorbereitet. In der Kindheit der Gruppe der 20- bis 40-jährigen – in den Jahren von etwa 1880 bis 1900- kursierten hingegen Influenzaviren, die andere immunologische Eigenschaften als die Spanische Grippe aufwiesen. So war das Abwehrsystem dieser Menschen völlig unvorbereitet und dadurch der Infektion weniger gewachsen, erklären die Wissenschaftler.
Die Ergebnisse decken sich mit Beobachtungen von anderen besonders virulenten Influenza-Stämmen neueren Datums: Die Vogelgrippe H5N1 zeigte bei jüngeren Menschen besonders kritische Verläufe, bei der Variante H7N9 waren hingegen besonders Ältere betroffen. Vermutlich sind diese Eigenschaften ebenfalls darauf zurückzuführen, dass die jeweilige Altersgruppe immunologisch passenden beziehungsweise unpassenden Grippe-Viren in ihrer Kindheit ausgesetzt waren. “Unsere Studienergebnisse erklären viele Eigenschaften der Sterblichkeitsmuster unterschiedlicher Influenza-Pandemien der letzten 200 Jahre”, sagt Worobey. Die Forscher wollen ihre Ergebnisse und Schlussfolgerungen nun erneut überprüfen und die Zusammenhänge genauer entschlüsseln. So wollen sie dazu beitragen, die saisonale Grippe besser zu verstehen und die Menschheit gegen besonders schlimme Erreger zu wappnen.





