Seit 2002 engagiert sich Klaus Wiegandt, ehemaliger Vorstandssprecher des Großkonzerns Metro AG, intensiv für nachhaltiges Wirtschaften. In bild der wissenschaft zieht er eine Zwischenbilanz. Das Gespräch führte Wolfgang Hess Klaus Wiegandt ist Herausgeber einer erfolgreichen Buchreihe zum Themenkomplex der Nachhaltigkeit. Klaus Wiegandt (Jahrgang 1939) absolvierte nach seinem Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg ein Trainee-Programm in der Konsumgüterwirtschaft und wechselte dann in den Handel. Er war langjähriger Generalbevollmächtigter der Rewe-Leibbrandt-Gruppe, Vorstandsvorsitzender der Asko AG und von 1996 bis 1998 Vorstandssprecher der Metro AG. Mit 60 schied Wiegandt dort auf eigenen Wunsch aus. 2000 gründete er die Stiftung „Forum für Verantwortung”. Sie fördert Wissenschaft und Bildung in der Zivilgesellschaft. Seit 2005 hat er die Aktivitäten seiner Stiftung im Wesentlichen auf die gesellschaftliche Verankerung nachhaltigen Gedankenguts fixiert.
bild der wissenschaft: Umweltverträgliches Handeln hat heute einen größeren Stellenwert als noch vor einem Jahrzehnt. Ist das Thema Nachhaltigkeit inzwischen in der Gesellschaft verankert, Herr Wiegandt?
Klaus Wiegandt: Die Welt scheint zwar „grüner” geworden zu sein. Die Menschen kaufen mehr Bioprodukte, orientieren sich eher an einem fairen Handel, schalten elektrische Geräte, die sie gerade nicht benutzen, wirklich aus und achten beim Autokauf mehr auf den CO2-Ausstoß als je zuvor. Die Unternehmen reduzieren ihren Energie- und Materialverbrauch und räumen der Nachhaltigkeit in ihren Geschäftsberichten weit mehr Platz ein als früher. Doch das alles reicht nicht. Die notwendige Kurskorrektur ist dadurch nicht vollzogen. Immer noch gilt: Wenn wir weitermachen wie bisher, werden ganze Ökosysteme kollabieren und Kriege um knappe Ressourcen nicht abzuwenden sein.
Das wenig greifbare Ergebnis der Weltklimakonferenz von Kopenhagen offenbart das Dilemma weltpolitischen Handelns. Hat Sie das Ergebnis entmutigt?
Ganz und gar nicht. Zwar war man in Kopenhagen offensichtlich nicht in der Lage, Maßnahmen zu ergreifen, die die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius beschränken. Doch auch jene Staaten, die bisher dem Kyoto-Protokoll nicht beigetreten sind, haben inzwischen anerkannt, dass eine Begrenzung auf zwei Grad Celsius ein Ziel sein muss. Noch verbleiben fast drei Jahre Zeit, um ein wirksames Nachfolgeprotokoll mit allen Staaten auszuhandeln.
Durch Ihre Initiative „Mut zur Nachhaltigkeit” wollen Sie die Menschen wachrütteln. Trotz einer Reihe von Projekten scheint Ihnen das noch nicht gelungen zu sein.
Wir allein wären damit auch überfordert. Aber die positive Resonanz auf unsere Beiträge zur Aufklärung ermutigt uns weiterzumachen. Durch unsere inzwischen 13 Bände umfassende Buchreihe sowie den eigens dazu produzierten Lernmaterialien haben wir Aufklärungsarbeit geleistet – in einer allgemeinverständlichen Sprache. Man muss den Mut haben, die zum Teil beängstigenden Forschungsresultate ungeschminkt herüberzubringen und gleichzeitig die Brücke zu einer anderen Welt von morgen zu bauen. Es geht nicht um eine Verzichtsgesellschaft, die uns in die Steinzeit zurückbringt. Sondern es geht um eine Welt, die möglicherweise mehr Lebensqualität hat, weil sie Dinge zurückbringt, die derzeit verschüttet sind. Jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, ab dem wir multiplizieren müssen.
Multiplizieren?
Die Initiative „Mut zur Nachhaltigkeit”, die vom Forum für Verantwortung, der Asko Europa-Stiftung und der Europäischen Akademie Otzenhausen getragen wird, veranstaltet in der Europäischen Akademie diverse Seminare zur Nachhaltigkeit für unterschiedliche Zielgruppen unserer Gesellschaft: beispielsweise für Führungskräfte der Wirtschaft, der Verwaltung und der Gewerkschaften, Schüler, Studenten und Verbraucher. In der Lehrerfortbildung verzeichnen wir schöne Ergebnisse. Im Saarland und in Hessen haben wir den Einstieg bereits geschafft: Obwohl das Thema Nachhaltigkeit nicht Teil des Lehrplans ist, engagieren sich hier viele Lehrer, angeregt durch unsere Initiative. Jetzt müssen wir die Ministerpräsidenten der Länder gewinnen, dafür zu sorgen, dass Nachhaltigkeit in die Unterrichtspläne und universitären Curricula aufgenommen wird.
Bittbriefe werden bei Ministerpräsidenten wenig bewirken. Wie wollen Sie die Politiker für Ihre Ziele gewinnen?
Beispielsweise indem wir sie direkt mit unserer Arbeit konfrontieren. Das ist uns gelungen – mit dem Ergebnis, dass mich sowohl der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger in den Nachhaltigkeitsbeirat seines Landes berufen hat als auch Ministerpräsident Roland Koch. In Hessen wird jetzt – so hoffe ich – bei der Bildungsarbeit verstärkt auf das Gedankengut der Nachhaltigkeit eingegangen.
Werden Sie dabei von den Autoren der Buchreihe unterstützt, die alle namhafte Wissenschaftler sind?
Wir sind ein Kreis geworden, in dem sich gegenseitiges Geben und Nehmen die Waage halten. Alle Bücher wurden oder werden auf Kosten der Träger der Initiative ins Englische übersetzt, was die Wissenschaftler auch international bei einer breiten Leserschaft bekannt macht. Und wir profitieren von ihnen, indem sie sich für unsere Veranstaltungen zur Nachhaltigkeit Zeit nehmen. So wurden wir im vergangenen Dezember vom Umweltkomitee des Europäischen Parlaments nach Brüssel eingeladen, wo wir die Bücher vor 170 Abgeordneten und Vertretern der Kommission präsentieren konnten. Zwei Autoren unserer Buchreihe unterstützten mich bei dieser Präsentation. Weiterhin haben wir Ringvorlesungen an verschiedenen Universitäten organisiert: in Wien, Luxemburg, Heidelberg, Lüneburg, Saarbrücken. Dabei können die Autoren ihr Thema vorstellen. Mit Erfolg: Allein in Lüneburg kamen 1200 Studenten zur Eröffnungsveranstaltung.
Wasser zu predigen, aber selbst Wein zu trinken, ist verbreitet. Wie stehen Sie selbst zum Konsum?
Ich mache mir oft Gedanken darüber, was ich im Lauf eines Jahres alles kaufe, ohne meine Lebensqualität zu steigern. Streng betrachtet ist das Verschwendung. Sich über diese Verschwendung bewusst zu werden, ist eine wichtige Weichenstellung für das weitere Handeln.
Wo ist der Handlungsbedarf Ihrer Meinung nach am dringendsten?
Das Abholzen der Regenwälder ist ein unverantwortlicher Vorgang und muss sofort gestoppt werden. Wenn der Regenwald vernichtet ist, werden wir – auch mit viel Geld und neuen Technologien – nicht mehr in der Lage sein, ihn wieder aufzuforsten. Dabei könnten wir durch einen Abholzungsstopp effektiv den größten Beitrag zum Klimaschutz und zur Artenvielfalt leisten. Durch keine andere Maßnahme könnten wir auf einen Schlag mehr CO2 reduzieren. Das Abbrennen und Abholzen des Regenwaldes hat an den jährlich vom Menschen verursachten CO2-Emissionen einen Anteil von
18 Prozent. Neben dem Stopp des Regenwaldraubbaus und einem wirksamen Klimaschutz müssen wir in den kommenden zwei, drei Jahrzehnten auch die Weltbevölkerungsentwicklung in den Griff bekommen. Dieses Thema wird heute leider noch allzu oft tabuisiert. Die Weltbevölkerung nimmt jährlich um 80 Millionen Menschen zu. Wahrscheinlich leben inzwischen schon mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Die Möglichkeiten, mit humanitären Mitteln diese Entwicklung einzudämmen, hätten wir – wenn sie die Industrienationen mitfinanzieren.
Ihre auf 12 Bände ausgerichtete Buchreihe haben Sie angesichts der Weltfinanzkrise um einen 13. Band ergänzt, der Möglichkeiten vorstellt, wie sich die Weltfinanzen nachhaltig ordnen lassen. Glauben Sie wirklich, dass sich durch ein Buch etwas bewegen lässt?
Die Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Eichhorn und Dirk Solte analysieren die Wurzeln der Weltfinanzkrise und zeigen auf, wie ein nachhaltiges Weltfinanzsystem erreichbar ist – wenn die Politik die entsprechenden Rahmenbedingungen setzt. Gegenwärtig sieht es freilich so aus, dass das nicht passiert. Das Spielcasino ist schon wieder eröffnet. Wenn die Bank Goldmann Sachs 2009, im Jahr der größten Finanzkrise seit den 1920er-Jahren, einen Gewinn – vor Boni – von mehr als 29 Milliarden Dollar macht: Wie kann man in diesem Umfeld schon wieder Gewinne dieser Größenordnung ohne riskante Spekulationen erwirtschaften? Eine für mich wesentliche Erkenntnis aus diesem Buch ist, zu erkennen, dass das Weltfinanzsystem von einer kleinen Clique abhängt, die eine solche Macht hat, dass Politiker sich nicht trauen, daran Wesentliches zu ändern.
Öffentliches Geld hat das System ja genug verschlungen.
Um das Wirtschaftssystem vor dem Zusammenbruch zu schützen, wurden wir alle zur Kasse gebeten. Die Verluste wurden sozialisiert. Dabei gibt es Riesengewinner im Weltspielcasino. Doch von ihnen spricht niemand.
Wer gehört denn beispielsweise zu den Gewinnern?
Die Eliteuniversitäten der USA: Harvard, Yale, Stanford. 2003 verfügte Harvard über 18 Milliarden Dollar Stiftungskapital. Ende 2007 war das auf 38 Milliarden Dollar gestiegen. Die Universität hat also bei der Anlage ihres Stiftungskapitals in diesem kurzen Zeitraum ihre Mittel mehr als verdoppelt und rund 18 Prozent Jahresrendite gemacht. Das geht nur, wenn man in diesem Weltspielcasino mitzockt. Übrigens betrug das Stiftungskapital von Harvard selbst Mitte 2009 noch 26 Milliarden Dollar.
Wachstum sei notwendig, um die Wohlfahrt auf der Welt zu mehren, behaupten Ökonomen. Wie verträgt sich das mit der Gedankenwelt des nachhaltigen Wirtschaftens?
Ob starkes Wachstum und Nachhaltigkeit vereinbar sind, ist in der Theorie der Wirtschaftswissenschaften ungelöst. In den vergangenen 30 Jahren hat der Mainstream der Wirtschaftswissenschaftler gesagt: Alles kein Problem, weil wir Wachstum vom Ressourcen- und Energieverbrauch entkoppeln werden. Auch wenn wir in Deutschland Fortschritte gemacht haben: Global gesehen hat es – mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 – kein Jahr gegeben, in dem der Ressourcenverbrauch nicht gestiegen ist. Auch künftig werden wir die Entkopplung nicht schaffen. Schon deshalb nicht, weil die Entwicklungs- und Schwellenländer völlig legitim ihren Wohlstand steigern wollen. Business as usual führt in den nächsten 20, 25 Jahren zu chaotischen Verhältnissen an den Weltrohstoff- und Energiemärkten, die politisch wahrscheinlich nicht mehr beherrschbar sein werden. Das heißt, noch bevor Ökosysteme der Erde kollabieren, bedrohen Kriege oder Anarchie große Teile dieser Welt. Schon deshalb müssen sich die Industrienationen mit den anderen Ländern verständigen, wie Energie und andere Rohstoffe künftig verteilt werden. Wir müssen unseren Wohlstand neu definieren. Wir müssen dematerialisieren und unsere Produkte so herstellen, dass sie deutlich weniger Rohstoffe und Energie verbrauchen. Das hat Strukturveränderungen zur Folge. Es wird Wirtschaftsbereiche geben, die untergehen, andere – besonders öko-innovative Sektoren – werden Jahrzehnte überproportionalen Wachstums vor sich haben. Unsere Herausforderung ist es, diese Umstrukturierung sozialverträglich hinzubekommen. ■
Weitere Informationen: www.mut-zur-nachhaltigkeit.de





