Text: Ralf Stork
Bad Segeberg in Schleswig-Holstein. Während Apachenhäuptling Winnetou vor der grandiosen Kalkbergkulisse der Karl-May-Spiele gegen schießwütige Weiße kämpft, findet gleich hinter dem Nebenausgang ein anderes, völlig lautloses Spektakel statt – am Eingang zu einer Höhle. Jedes Jahr in den späten Augustnächten fliegen 1500 Wasserfledermäuse auf der Suche nach einem passenden Quartier für die kalte Jahreszeit hier ein und aus. Bis zu 30.000 Fledermäuse überwintern in den rund zwei Kilometer langen Hohlräumen. An die Höhle angeschlossen ist das Fledermauszentrum Noctalis. Zur alljährlichen internationalen Batnight Ende August erlebt man die fliegenden Kleinsäuger hautnah. Wer sich bei einsetzender Dunkelheit vor dem Höhleneingang postiert, ist live dabei, wenn ein Tier nach dem anderen zu seinem nächtlichen Jagdflug durchstartet. Zum Teil nur wenige Zentimeter flattern die Fledermäuse an den Köpfen der Besucher und Besucherinnen vorbei. So dicht manchmal, dass man den Windhauch ihrer lautlosen Flügelschläge spüren kann.
Die zahlreichen Veranstaltungen und Vorträge der Batnight sollen dabei helfen, mit Missverständnissen aufzuräumen und das Image der Fledertiere zu verbessern. Denn darum steht es nach wie vor nicht zum Besten. Im Alten Testament werden Fledermäuse den unreinen Tieren zugerechnet. Spätestens seit dem Mittelalter wird der Teufel häufig mit Fledermausflügeln abgebildet. Fledermäuse gelten als Tiere der Hexen und Unterweltwesen. Schließlich symbolisieren sie die verkehrte Welt: Ein fliegendes Säugetier, das den Tag verschläft, in der Nacht auf die Jagd geht und seine Ruhephasen von der Decke hängend – verkehrt herum – verbringt, so ein Tier muss des Teufels sein. Vampir- und andere Schauergeschichten sowie ihr Ruf als „Virenschleudern“ zementierten das schlechte Image, unter dem Fledermäuse bis heute zu leiden haben. Jüngster Höhepunkt: die Corona-Pandemie und Spekulationen, dass Sars-CoV-2 von einer Fledermaus auf den Menschen übergesprungen sein könnte.
„Ich habe einmal den Anruf einer Frau erhalten, die Angst hatte, an Tollwut zu erkranken, weil sie ihre Wäsche über Nacht im Garten aufgehängt hatte und möglicherweise Fledermäuse darüber geflogen sein könnten“, sagt Florian Gloza-Rausch. Der Biologe hat das Fledermauszentrum in Bad Segeberg mit aufgebaut und viele Jahre geleitet. Seit drei Jahren forscht er als Gastwissenschaftler am Berliner Naturkundemuseum und ist als selbständiger Fledermausgutachter tätig. Von 2009 bis 2012 war Gloza-Rausch wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe des Virologen Christian Drosten. Dabei konnte unter anderem nachgewiesen werden, dass von heimischen Fledermausarten, die Corona- oder Sars-Viren in sich tragen, keine Gefahr für den Menschen ausgeht. Auch die Wahrscheinlichkeit, von einer Fledermaus mit Tollwut infiziert zu werden, ist wohl geringer als die eines Sechsers im Lotto.





