Quantitativ betrachtet, handelt es sich um die erfolgreichste aller Tiergruppen: Rund 80 Prozent der heute lebenden Tierarten gehören zu den Gliederfüßern (Arthropoden), wie Insekten, Krebse und Spinnen. Man geht davon aus, dass der evolutionäre Ursprung dieser Gruppe in der sogenannten kambrischen Explosion des Lebens vor über 520 Millionen Jahren liegt. Zahlreiche Fossilien geben dabei bereits Hinweise auf frühe Entwicklungsstufen. Doch die Beziehung zwischen den verschiedenen fossilen Lebewesen geben Forschern noch immer Rätsel auf. Denn trotz bestimmter Arthropoden-Merkmale handelte sich um teils sehr bizarre Wesen, die manchmal auch als “Weird Wonders” bezeichnet werden. Besonders berühmt ist etwa der skurrile Räuber Anomalocaris mit seinen radialen Mundwerkzeugen und stacheligen Fortsätzen, sowie das rätselhafte fünfäugige Rüssel-Wesen Opabinia.
Nun bekommt die Gruppe der urzeitlichen Freaks Zuwachs: Die Funde stammen aus einer neuentdeckten Fossillagerstätte, in der Spuren von Lebewesen aus dem Ordovizium überdauert haben – der Zeit rund 40 Millionen Jahre nach der kambrischen Explosion. Bei dem Fundort handelt es sich um einen von Schafweiden umgebenen Steinbruch in Mittelwales. Zuerst wurden dort nur fossile Schwämme entdeckt. Doch dann stieß Co-Autor Joseph Botting vom National Museum Wales in Cardiff auf etwas Besonderes: „Ich entdeckt etwas, das zunächst aussah, als wäre es ein Wesen, das einen Tentakel aus einer Röhre herausstreckte”, berichtet Botting. Er zeigte es seiner Kollegin Lucy Muir und erntete Begeisterung: “Es handelte sich offenbar um eine echte Weichkörper-Erhaltung – von so etwas träumen Paläontologen. Wir haben in dieser Nacht vor Aufregung nicht gut geschlafen”, so die Wissenschaftlerin.
Seltsame Winzlinge im Visier
Tatsächlich entwickelte sich aus dem Fund eine umfassende Untersuchung in Zusammenarbeit mit internationalen Kollegen. Es wurde dann auch ein weiteres Exemplar am Fundort entdeckt. Wie die Forscher berichten, handelt es sich um sehr bemerkenswerte kleine Vertreter der “Weird Wonders”. Die genaueren Untersuchungen mittels moderner Analyseverfahren ergaben: Das größere Exemplar misst 13 Millimeter, das kleinere ist hingegen nur drei Millimeter lang. Dennoch lieferten die mikroskopischen Untersuchungen Einblicke in die teils gut erhaltenen Strukturen der etwa 462 Millionen Jahre alten Wesen.
Einige Merkmale ähneln denen von Opabinia, wie etwa die dreieckigen Stummelbeine, die wohl der Interaktion mit dem Sediment dienten. Bei dem kleineren Exemplar wurde zudem ein Schwanzfächer sichtbar, wie er auch bei der kürzlich beschriebenen Schwestergruppe von Opabinia, Utaurora, festgestellt wurde. Die neuentdeckten Wesen besaßen auch das buchstäblich herausragende Merkmal, das Opabinia ebenfalls besitzt: einen Rüssel. Doch in diesem Fall war er mit Stacheln bedeckt und zudem besaßen die Tiere ungewöhnliche, harte Strukturen auf dem Kopf. Diese Merkmale sind bisher von keinem Opabiniiden bekannt und deuteten deshalb auf eine mögliche Verwandtschaft mit Radiodonten einschließlich Anomalocaris hin, erklären die Forscher.





