Der Import von Garnelen aus Asien ist problematisch. Die Tiere werden auf zu engem Raum gehalten, mit Antibiotika vollgepumpt, Mangrovenwälder müssen für Zuchtanlagen weichen. Unternehmer in Deutschland wollen es besser machen – und bauen eigene Garnelenfarmen auf
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Text: Janina Martens
Von außen ist es eine unscheinbare, weiße Halle. Ein Industriegebäude in der niedersächsischen Provinz. Drinnen fühlt es sich nach Tropen an. 35 Grad Celsius, T-Shirts kleben. Es rauscht, riecht nach Meer. Auf zwei Stockwerken je drei Betonbecken, mit Salzwasser befüllt und Netzen umspannt. Max Hoersen, in blauer Badehose, schiebt das Netz an einer Stelle zur Seite, klettert ins Wasser und verharrt kurz. „Na, musst du die Zähne zusammenbeißen?“, feixt Tarek Hermes vom Rand. „30 Grad Wassertemperatur fühlen sich kälter an, als man denkt, was?“
In dem Becken tummeln sich Weißbeingarnelen. Zu Zigtausenden. Man nennt sie auch White Tiger Garnelen. „Bei 30 Grad liegt ihre Wohlfühltemperatur“, sagt Tarek Hermes. Plötzlich springt ein Tier hoch, platscht zurück. Hermes grinst, „deshalb die Netze“. Max Hoersen setzt die Schwimmbrille auf und taucht ab. Er will schauen, ob am Boden Futterreste oder tote Tiere liegen. Die Garnelen liegen den Züchtern am Herzen – und sie sind ihr Geschäft.
Gemeinsam mit Hoersen und zwei weiteren Mitstreitern hat Tarek Hermes die Garnelenfarm in seiner Heimatstadt Gronau an der Leine aufgebaut: „Neue Meere“. Im Frühjahr 2020 wurde die Aquakulturanlage eingeweiht, seit Ende 2020 liefert Neue Meere die Garnelen fangfrisch, vakuumverpackt und per Express an Privatkunden, Feinkostläden und Restaurants. Die Idee zu der Farm hatte Hermes vor über elf Jahren. Damals schrieb er als Student der Agrarwissenschaften seine Masterarbeit in Hamburg – und sah zufällig eine Dokumentation über die Garnelenproduktion in Südostasien: „Ich war geschockt, wie das da läuft, und dachte: Das muss anders gehen!“
Bislang ist fast jede Garnele, die in Deutschland auf dem Teller landet, importiert. Die Krustentiere brauchen tropische Temperaturen und Salzwasser. Rund 50.000 Tonnen Garnelen importiert Deutschland derzeit pro Jahr. Die meisten aus Asien, teilweise auch aus Südamerika. Mit gestiegener Nachfrage hat sich über die Jahre vor allem in China, Thailand und Vietnam eine Intensivzucht entwickelt, die ökologische Probleme mit sich bringt: Mangrovenwälder werden abgeholzt, um Platz für Garnelenfarmen zu schaffen. Für schnelleres Wachstum und gegen Krankheitserreger verwenden Farmer Antibiotika und Chemikalien, die Böden, Grund- und Meerwasser belasten. Oft werden zu viele Garnelen auf zu engem Raum gehalten. Zudem bekommen sie Fischmehl als Futter, was zur Überfischung der Weltmeere beiträgt. Umweltverbände wie WWF und Peta prangern die intensive Garnelenzucht deshalb seit Jahren an.
20 Kilo Beifang pro einem Kilo Shrimps
Doch auch wild gefangene Garnelen sind ökologisch nicht unbedenklich. So stellt bei der industriellen Fischerei etwa der Beifang ein massives Problem dar. In den Netzen verfangen sich zum Beispiel Schildkröten und Delfine – und sterben. Laut WWF landen pro Kilogramm Shrimps bis zu 20 Kilogramm andere Tiere mit im Netz. Schleppnetze zerstören zudem den Meeresboden. „Das ist doch alles Wahnsinn“, sagt Tarek Hermes von Neue Meere. Seine Vision: „Wir wollen dazu beitragen, dass die Bestände der Natur nicht mehr angetastet werden müssen.“
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Ursprünglich wollte der 39-Jährige Landwirt werden. Aquakulturen kannte er nur aus einem Uni-Seminar. Doch seit der Fernseh-Dokumentation damals in seiner Studentenbude ließ ihn das Thema Garnelenzucht nicht mehr los. Er holte Max Hoersen, 38, als Fischwirtschaftsmeister mit ins Boot, seinen Studienfreund Ludwig von Brockhausen, 39, für den Vertrieb und seinen Bruder Philipp Hermes, 43, als Juristen und strategischen Kopf.
Das Gründerteam kümmert sich um fast alles selbst, hat nur einen Produktionsmitarbeiter und eine Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit. Hermes als Geschäftsführer arbeitet sieben Tage die Woche an der Anlage. Wenn nachts ein Alarm kommt, weil etwa der Sauerstoffgehalt im Wasser nicht stimmt, ist Hermes sofort vor Ort. „Ohne Herzblut ginge das alles nicht“, sagt er.
Mit Neue Meere will er zeigen, dass ökologische Garnelenzucht möglich ist, regional, antibiotikafrei und ressourcenschonend. Ein wichtiger Faktor dabei: Die Firma nutzt ein geschlossenes Kreislaufsystem. Das Wasser aus den Zuchtbecken wird also direkt in der Anlage gereinigt und wieder zurückgeleitet.
Solche Anlagen, auch RAS (Recirculating Aquaculture Systems) genannt, haben mehrere Vorteile, erklärt Gregor Jähne vom Alfred-Wegener-Institut (AWI). Er hat einen Master in Aquakultur und kümmert sich als Techniker um die RAS-Anlage im Zentrum für Aquakulturforschung des AWI. „Bei Indoor-Kreislaufsystemen werden in der Regel keine nährstoffbelasteten Abwässer in die Natur entlassen. Die Umweltbelastung ist also gering“, sagt er. „Und man ist unabhängig von äußeren Einflüssen, anders als bei Teichwirtschaften. Es kommt seltener zu Krankheiten.“ Zudem sei der Wasserverbrauch verhältnismäßig gering: „In einer Kreislaufanlage liegt der Wasseraustausch bei unter zehn Prozent.“
In den vergangenen zehn Jahren haben sich mehrere Unternehmer in Deutschland an die Garnelenzucht in Indoor-Kreislaufanlagen gewagt. Jähne sagt: „Da ist vieles in Bewegung.“ Er selbst hat von 2014 bis 2016 auf einer Garnelenfarm in Grevesmühlen in Mecklenburg-Vorpommern gearbeitet – mit einer der ersten Anlagen dieser Art in Deutschland. Sie wird heute von der Firma „Hanse Garnelen“ betrieben, die derzeit eine weitere Anlage nahe Hamburg baut. Mittlerweile gibt es eine Handvoll ähnlich ausgerichteter Unternehmen, zum Beispiel „Förde Garnelen“ an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, „Crusta Nova“ in Oberbayern und „Landgarnele“ in Nordhessen.
Schätzungsweise 100 Tonnen Garnelen werden jährlich in Deutschland produziert – das ist nicht viel angesichts der Importmenge von rund 50.000 Tonnen. Doch Gregor Jähne sieht Potenzial. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und gesunde Ernährung sei gestiegen. „Man sollte sich zwar keiner Illusion hingeben; die Zucht in deutschen Anlagen ist auch eine Form von Massentierhaltung.“ Doch die deutschen Garnelen seien antibiotikafrei und durch die kurzen Transportwege fangfrisch, „das steigert Qualität und Geschmack“.
Das hat seinen Preis: Während 250 Gramm der günstigsten geschälten Tiefkühl-Importgarnelen im Supermarkt ungefähr vier bis fünf Euro kosten, müssen Kunden für diese Menge bei Neue Meere mindestens 25 Euro hinlegen – mit Schale und Kopf.
EU-Förderung für nachhaltige Aquakultur
Den höheren Preis erklärt das Start-up mit den hohen Betriebskosten der Anlage. Auch andere deutsche Garnelenzüchter bewegen sich in diesem hochpreisigen Segment. Das ist ein Grund für die geringe Konkurrenzfähigkeit auf dem Markt. EU, Bund und Länder haben unter anderem deshalb Maßnahmenkataloge und Förderprogramme für nachhaltige Aquakultur aufgelegt. Davon profitierte auch Neue Meere: Das Start-up bekam für den Bau seiner Anlage, die laut Hermes einen höheren einstelligen Millionenbetrag kostete, unter anderem Fördergelder aus dem Europäischen Meeres- und Fischereifonds. „Das ist keine Anlage aus dem Katalog. Wir haben sie nach unseren Vorstellungen bauen lassen.“
In der Halle mit der Wasseraufbereitungsanlage angekommen, wo Pumpen rund um die Uhr arbeiten und lautes Rauschen die Verständigung erschwert, zeigt Hermes auf ein Display an der Wand, zufrieden: „Im Moment läuft die Anlage gut. Wir müssen weniger als ein Prozent des Wassers austauschen.“ Wenig ist das trotzdem nicht: Insgesamt zirkulieren in diesem Kreislauf etwa eine Million Liter, rund 10.000 Liter Frischwasser müssen also täglich zugeführt werden. Bei Neue Meere testen sie deshalb gerade einen Prototyp in der Filteranlage aus, um den Frischwasserbedarf künftig nochmal ordentlich zu senken – auf 0,3 Prozent.
In einem permanenten Prozess fließt Wasser aus den sechs Garnelenbecken in das Filterbecken in der Aufbereitungshalle. Dort wird es zuerst mechanisch gereinigt. „Feststoffe wie Panzer, Ausscheidungen und Futterreste werden rausgefiltert“, sagt Hermes. Dafür sorgt ein Trommelfilter, der wie ein Sieb funktioniert. Anschließend fließt das Wasser durch einen UV-Brenner, der Keime abtötet. Dann folgt die biologische Reinigung, denn: „Die Garnelen lassen genau wie wir Menschen Wasser, deshalb ist Ammonium im Wasser“, sagt Hermes. Er greift in eine Kiste mit schwarzen Kunststoffteilchen: Biofiltermaterial. Es ist mit einem Bakterienstamm besiedelt, der das Wasser vom Ammonium befreit. „Deshalb können und würden wir nie Antibiotika einsetzen“, erklärt Hermes. „Die würden unsere guten Bakterien umbringen und so unser Filtersystem kaputtmachen.“
Wenn es um Nachhaltigkeit geht, hat das Team auch darüber hinaus vieles im Blick: „Wir schmeißen nichts weg“, sagt Hermes. Aus Garnelenresten wird Suppe. Kot und Futterreste, die die Anlage herausfiltert, gehen als Dünger an Landwirte.
Strom und Wärme werden momentan in zwei eigenen Blockheizkraftwerken mithilfe von Erdgas erzeugt. „Aktuell befinden wir uns in der Planungsphase für eine Fotovoltaikanlage“, sagt Hermes’ Kollege Ludwig von Brockhausen im Büro. Postlarven – das sind die jungen Garnelen, die in die Becken gesetzt und gemästet werden – werden vermehrt aus Österreich importiert. Anfangs kamen sie aus Florida. Die USA sind der Hauptlieferant von Postlarven in der Garnelenzucht, in Europa gibt es nur wenige Anbieter. „Doch die langen Transportwege bedeuten Stress für die Tiere“, so von Brockhausen.
In Deutschland ist „Suburban Seafood“ die einzige Brutanstalt für Garnelenlarven – auch Hatchery genannt –, die sich auf die Nachzucht der pazifischen Weißbeingarnele spezialisiert hat und ausschließlich Postlarven liefert. Das Unternehmen liegt im ostsächsischen Nebelschütz, gut 45 Autominuten von Dresden entfernt. Ein Sommernachmittag. Wiesen und Obstbäume, ein Traktor fährt vorbei. Friedrich Tietze steht vor einem Stallgebäude, mit Zigarette und Milchkaffee, auf dem Kopf eine Schirmmütze mit der Aufschrift „Make Shrimps great again“. „Ist nicht so hip hier wie bei einem Start-up in Berlin“, sagt er, leicht sächselnd.
Gemeinsam mit Roman Schwarz und Felix Kirsten hat der heute 39-Jährige vor viereinhalb Jahren die „Suburban Seafood Nebelschütz GmbH“ gegründet und die Stallungen günstig gepachtet. „Wir haben fast alles selbst umgebaut“, erzählt Tietze. „Drei Wochen lang waren wir mit einem Radlader hier drin, haben die Tröge rausgerissen, die Heizungsrohre, alles.“ Mittlerweile sind Schwarz und Kirsten ausgeschieden. Das Unternehmen hat eine Insolvenz hinter sich, Tietze gründete Anfang 2022 die „Suburban Seafood Germany UG“ neu. Der Diplom-Ingenieur für Wasserwirtschaft glaubt weiter an die Idee. „Ich habe viel dazugelernt. Die Nachzucht von Garnelen ist nicht einfach, bei den biochemischen Prozessen sind viele Parameter zu beachten. Salzgehalt, Temperatur, Futter. Es braucht viel Feingefühl.“
Konstante Wohlfühlbedingungen
In Asien hat Tietze verschiedene Hatcheries besucht. „Dort gab es keine Kreislaufanlagen. Es wird ständig Wasser ausgetauscht, weil das am Meer leicht verfügbar ist.“ Trotzdem fühlen sich die Tiere nicht wohl – mit negativen Folgen für die Fruchtbarkeit. „Man muss den Weibchen dort ein Auge abschneiden, um ein hormonelles Ungleichgewicht auszulösen, das sie zur Eiablage anregt.“ In Tietzes Aquakulturanlage dagegen „herrschen konstant Wohlfühlparamenter“, sagt er – sogenannte Augenstielablationen sind nicht nötig. Auf lange Sicht will Tietze eine „Poly Integrated Low Input Marine Aquaculture“ aufbauen. „Meine Vision sind geschlossene Kreisläufe mit mehreren Spezies, die einander begünstigen.“ Zum Beispiel? „Ich finde einen Wurm, der den Kot der Garnele frisst, und selbst wiederum verfüttert werden kann.“
Tietze führt in den Raum mit den Garnelen, es ist tropisch warm, das Licht schwach. Auf 250 Quadratmetern stehen hier vier große, mit Namen beschriftete Kunststoffbecken und mehrere kleinere Wasserbehälter. „In Bärbel und Gisela sind die Weibchen, in Günther und Horst die Männchen“, erklärt Tietze und leuchtet mit einer Taschenlampe ins Wasser, am Boden sitzen Garnelen.
Ein Weibchen lege pro Laichvorgang etwa 200.000 bis 300.000 Eier, daraus entwickeln sich die Larven. Die sind in den kleineren Bottichen – und winzig, mit bloßem Auge kaum zu sehen. Ein unbestimmtes Wimmeln. Nach drei Wochen haben die Tiere das Stadium erreicht, in dem sie verkauft werden. Suburban Seafood beliefert Garnelenfarmen und Forschungseinrichtungen in Deutschland und teilweise im europäischen Ausland. „Ich habe bisher an 32 Kunden in zwölf Ländern geliefert, unser Kundenstamm wächst und wir bekommen überwiegend positives Feedback.“ Obwohl Tietzes Larven teurer sind als die Konkurrenz aus den USA.
Klar ist jedoch: Ohne Sterben geht es am Ende auch in der ökologischen Garnelenzucht nicht. Bei Neue Meere werden die Garnelen nach etwa sechs Monaten abgefischt, elektrisch betäubt und mit Eiswasser übergossen. „Die stressfreie Tötung der Garnelen hat bei uns höchste Priorität“, sagt Hermes. Und schmiedet bereits neue Pläne für das Unternehmen. „Durch den Krieg und die Pandemie ist klargeworden, dass wir im Lebensmittelbereich in Deutschland zu abhängig von Importen sind.“ Die Garnele ist erst der Anfang. Lachsforelle und Zander – ebenfalls aus regionaler, antibiotikafreier und ressourcenschonender Aquakultur – könnten demnächst folgen.
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