Das Fachwort heißt Sexualdimorphismus: Bei vielen Tieren gibt es abgesehen von den Geschlechtsorganen teils deutliche körperliche Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen einer Art: Hirschgeweih, Pfauen-Rad oder Löwenmähne sind besonders prominente Beispiele dafür. Auch beim Menschen spiegelt sich das Konzept in den sogenannten sekundären Geschlechtsmerkmalen wider. In der heutigen Tierwelt und auch bei uns Menschen entwickelt sich der Sexualdimorphismus meist im Rahmen der Ausbildung der Fortpflanzungsfähigkeit – der Entwicklungsphase, die als Pubertät bezeichnet wird. Dieser Prozess ist beim Menschen und vielen anderen heutigen Lebewesen gut untersucht – bei urzeitlichen Tieren aus der Gruppe der Reptilien allerdings nicht. Ein Problem ist dabei, dass der Sexualdimorphismus bei Reptilien oft nur von Größenunterschieden und geschlechtsspezifischen Färbungen geprägt ist. Beide Aspekte lassen sich anhand von Fossilien schwer nachweisen.
Pubertät im Spiegel von Knochenstrukturen
Doch wie ein internationales Forscherteam berichtet, konnten sie nun erstmals bei einem urzeitlichen Vertreter der sogenannten Amnioten die Pubertät eindeutig dokumentieren. Es handelt sich um Meerestiere, die vor rund 240 Jahren im heutige China Jagd auf kleine Fische machten. Obwohl die Keichousaurier im Wasser lebten, sind sie dennoch den Landwirbeltieren zuzurechnen. Denn ihre Vorfahren lebten an Land und entwickelten dann sekundär eine aquatische Lebensweise. Der Körperbau der Keichousaurier erinnert an den der großen Plesiosaurier des Jura- und Kreidezeitalters – allerdings erreichten sie nur vergleichsweise „niedliche“ Ausmaße von unter 20 Zentimetern. Bekannt geworden sind die kleinen Reptilien bereits durch Fossilien „mit Inhalt“: Reste von Embryonen zeigten, dass sie keine Eier legten, sondern lebendgebärend waren.
Das Forscherteam um Seniorautor Martin Sander von der Universität Bonn hat nun den umfangreichen Fossilienbestand von Keichousaurus genutzt, um auszuloten, ob sich bei diesen Wesen die Ausbildung von Sexualdimorphismus im Rahmen einer Pubertät belegen lässt. Es gab bereits Hinweise darauf, dass die größeren Exemplare Männchen und die kleineren Weibchen repräsentierten. Auch unterschiedlich entwickelte Oberarmknochen (Humeri) zeichneten sich bei unterschiedlichen Fossilien ab. Dieser Spur sind die Paläontologen nun durch genauere Untersuchungen nachgegangen. Sie fertigten dazu Dünnschnitte von Knochen verschiedener Fossilen an und untersuchten die Merkmale.
Wie die Forscher berichten, zeichneten sich in den baumringartigen Strukturen der Knochen Wachstumsprozesse im Verlauf der Entwicklung der Tiere ab. Zunächst spiegelte sich in den Analyseergebnissen ein ausgesprochen schnelles Wachstum bis zum ausgewachsenen Zustand wider. Später nahm die Knochendichte jedoch wieder zu, was auf eine Verlangsamung des Wachstums hindeutet. Schließlich verlagerten die kleinen Reptilien ihre Energieinvestition dann offenbar vom Wachstum auf die Fortpflanzung. Neben diesen grundlegenden Entwicklungsprozessen zeichneten sich nun allerdings auch geschlechtsspezifische Besonderheiten ab, berichten die Forscher: Aus den Befunden geht deutlich hervor, dass Keichousaurus-Männchen im Rahmen der Pubertät nicht nur größer wurden, sondern auch deutlich robustere Oberarme entwickelten als die Weibchen.






