Sie leben in der Finsternis und locken Beute mit einer leuchtenden Angel in ihr riesiges Maul. Diese bizarre Merkmalskombination der auch Seeteufel genannten Anglerfische wird von ihrer Fortpflanzungsstrategie noch übertroffen. Da sich Partner in den Weiten ihres Tiefsee-Lebensraums selten treffen, stellen die Männchen einen buchstäblich verbindlichen Kontakt mit den Weibchen her: Nach dem Andocken wachsen die Winzlinge an ihren viel größeren Damen fest. Dabei verbinden sich die Gewebe der Partner und es entsteht ein gemeinsamer Blutkreislauf, der das verkümmerte Männchen mit Nährstoffen versorgt. Deshalb wird diese Fortpflanzungsstrategie auch als sexueller Parasitismus bezeichnet.
Warum keine Gewebeabstoßung?
Aus biologischer und medizinischer Sicht wirkt diese Verbindung höchst erstaunlich. Denn normalerweise ist bei einem engen Kontakt von genetisch unterschiedlichen Geweben mit Abwehrreaktionen zu rechnen. Denn das Immunsystem von Wirbeltieren reagiert auf fremde Zellstrukturen normalerweise ebenso wie auf Krankheitserreger. Aus diesem Grund werden Abwehrreaktionen bei Organtransplantationen durch Medikamente unterdrückt und die Gewebeeigenschaften von Spender und Empfänger müssen bestmöglich abgestimmt werden.
Das Forscherteam um Jeremy Swann vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg ist nun der Frage nachgegangen, warum sich bei den Seeteufeln Individuen verbinden können, ohne dass es zu einer Gewebeabstoßung kommt. Sie untersuchten dazu die Genome verschiedener Seeteufelarten. Im Fokus standen dabei Erbanlagen, die für die Bildung der sogenannten Haupthistokompatibilitäts-Antigene (MHC) verantwortlich sind. Sie sitzen auf der Oberfläche von Körperzellen und lösen im Immunsystem Alarm aus, wenn Krankheitserreger vorhanden sind. Diese Antigene haben auch eine wichtige Rolle in der Transplantationsmedizin: Es gilt, ähnliche MHC-Formen bei Spendern und Empfängern zu finden, um nach der Organübertragung möglichst geringe Abstoßungsreaktionen zu gewährleisten.
Erstaunlicher Verlust von Immunfunktionen
Bei ihren genetischen Analysen stellten die Forscher nun fest, dass die Seeteufel die Gene zur Herstellung der MHC-Moleküle ausgeschaltet haben. Es scheint, als hätten sie diesen Aspekt der körperlichen Abwehr zugunsten ihres skurrilen Fortpflanzungssystems einfach abgeschafft. „Abgesehen von dieser ungewöhnlichen MHC-Konstellation haben wir auch entdeckt, dass zusätzlich die Funktion von Killer-T-Zellen in ihrer Wirkung stark eingeschränkt, wenn nicht ganz verloren ist. Normalerweise eliminieren sie infizierte Zellen oder greifen fremdes Gewebe während der Abstoßungsreaktion an. Diese beiden überraschenden Ergebnisse zeigen uns, dass das Immunsystem von Seeteufeln unter den Zehntausenden anderer Wirbeltierarten extrem ungewöhnlich ist”, sagt Swann.





