Ameisen gehören zu den artenreichsten Gruppen der sozialen Insekten. Sie haben sich an fast alle Lebensräume angepasst und spielen eine wichtige Rolle beim Abbau organischer Reste, als Pilzzüchter oder Blattlausfarmer, aber auch als Nahrung für unzählige Vögel, Arthropoden und Säugetiere. Wie Honigbienen und die meisten anderen sozialen Insekten leben Ameisen oft in Kolonien mit einem arbeitsteiligen Kastensystem: Nur die Königin oder Königinnen produzieren Eier und pflanzen sich fort. Dafür liefern die meist kurzlebigen Männchen ihr Sperma, spielen aber sonst keine Rolle. Die Arbeiterinnen des Ameisenvolks sind allesamt Weibchen, die sich jedoch nicht selbst fortpflanzen. Stattdessen sorgen sie für den Nachwuchs, schaffen Nahrung herbei und kümmern sich um weitere im Nest anfallenden Arbeiten.
Erobert und ausgenutzt
Allerdings gibt es unter den rund 15.700 Ameisenarten auch einige Ausnahmen von diesem Grundschema: „Einige parasitische Ameisenarten haben die Arbeiterinnenkaste verloren – bei ihnen dringt die Königin in Nester anderer Arten ein und lässt die dortigen Arbeiterinnen für sich arbeiten“, erklärt Seniorautor Jürgen Heinze von der Universität Regensburg. „Außerdem gibt es einige wenige Arten, bei denen weibliche Tiere ohne Paarung durch Jungfernzeugung – die sogenannte Parthenogenese – aus unbefruchteten Eiern neue Weibchen heranziehen können.“ Doch wie Heinze, Erstautorin Keiko Hamaguchi vom Kansai Forschungszentrum und ihre Kollegen festgestellt haben, gibt es eine Ameisenart, die noch einen Schritt weiter geht. Temnothorax kinomurai ist eine sehr seltene Spezies, die ihre Nester in Eicheln baut und bisher nur an neun Standorten in Japan gefunden wurde.
Von dieser Art war schon bekannt, dass auch sie Nester und Arbeiterinnen anderer Ameisenarten überfällt und für ihre Zwecke nutzt. „Junge Königinnen von Temnothorax kinomurai erobern die kleinen Nester der verwandten Art Temnothorax makora und töten die Königin und einige Arbeiterinnen durch Stiche“, berichten die Forschenden. „Dann ziehen sie ihren eigenen Nachwuchs mithilfe der überlebenden Arbeiterinnen auf.“ Unklar war jedoch bisher, ob unter diesem Nachwuchs tatsächlich nur neue Königinnen sind oder doch auch Arbeiterinnen oder Männchen. Um das zu überprüfen, sammelten Hamaguchi und ihre Kollegen sechs Kolonien von Temnothorax kinomurai mitsamt ihrer Eier und Larven ein und hielten sie in speziellen Nestboxen im Labor. Nachdem alle Jungtiere herangewachsen waren, konnten sie ermitteln, welcher Kaste oder welchem Geschlecht diese angehörten.
Eine Ameisenart nur aus Königinnen
Es zeigte sich: Die Königinnen Temnothorax kinomurai produzieren tatsächlich nur unbefruchtete Eier, aus denen später wieder Königinnen heranwachsen. Männchen oder Arbeiterinnen gibt es hingegen nicht. Damit ist diese Ameisenart einzigartig: Sie ist die erste bekannte Art, die vollständig auf Männchen und Arbeiterinnen verzichtet – und nur aus Königinnen besteht. „Die Lebensweise von Temnothorax kinomurai zeichnet sich durch die einzigartige Kombination von arbeiterinnenlosem Parasitismus und einer Parthenogenese aus, bei der weiblicher Nachwuchs aus unbefruchteten Eiern entsteht“, schreiben Hamaguchi und ihre Kollegen. Dies unterstreicht die Vielfalt und Anpassungsfähigkeit der Koloniestruktur von Ameisen und stellt einen weiteren Schritt in der Evolution parasitischer Ameisen dar. Denn sie verzichten ganz auf die Investition in Männchen oder Arbeiterinnen und stecken dafür alle verfügbaren Ressourcen in die Aufzucht von parthenogenetischen Jungköniginnen. „Dies ist ein zwar unerwarteter, evolutionär gesehen aber sinnvoller Schritt“, sagt Heinze.
Quelle: Keiko Hamaguchi (Kansai Research Center, Kyoto) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2025.11.080





