In einem brasilianischen Zuckerrohrfeld sind Forscher auf eine buchstäblich selbstmörderische Form von Heimatschutz gestoßen: Vertreter der Ameisenart Forelius pusillus schützen dort ihre Kolonien, indem einige der Tiere abends den Eingang zum Nest von außen verschließen ? eine Strategie, die die meisten der zierlich gebauten Insekten nicht überleben. Sie sterben über Nacht, wenn sie nach der Versiegelung des Eingangs nicht mehr in den schützenden Bau zurück können. Diese Art aufopfernder Verteidigung ist sehr ungewöhnlich, da keine unmittelbare Bedrohung vorliegt, erklärt der Verhaltensökologe Adam Tofilski von der Universität in Krakau. Wovor die Tiere ihr Nest auf diese Weise schützen, ist bislang noch völlig unklar, berichtet der Onlinedienst der Fachzeitschrift “Science”.
Es ist zwar bekannt, dass soziale Insekten wie Bienen, Wespen und auch Ameisen, gelegentlich ihr Leben zum Schutz der anderen Mitglieder der Kolonie opfern. Bisher ist ein solches Verhalten aber nur in Anwesenheit eines Feindes und damit einer akuten Bedrohung beobachtet worden. Anders bei F. pusillus: Wenn das Nest für die Nacht versiegelt wird, ist im Allgemeinen weder ein Feind noch eine andere Bedrohung sichtbar. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit, eine Nacht außerhalb des Nests zu überleben, selbst für gesunde, junge Ameisen dieser Art gering. Demnach kommt die Aufgabe, den Eingang zu verschließen, einem Selbstmordkommando gleich. Möglicherweise opfern sich gerade alte oder kranke Tiere und tragen so zum Wohl der Allgemeinheit bei, spekuliert Tofilski.
Der Ökologe Michael Kaspari von der Universität von Oklahoma, der nicht an der Studie beteiligt war, nimmt an, dass sich die Ameisen vor großen Gruppen von Wanderameisen verstecken, die das Nest auf einem ihrer Raubzüge überfallen könnten. Auch wenn es meistens nicht zu einem Angriff kommt, habe sich der Verlust weniger Mitglieder zum Schutz der gesamten Kolonie im Laufe der Evolution bewährt. Eine Erklärung dafür, was die Tiere zu dem prophylaktisch aufopfernden Verhalten antreibt, könnte auch Aufschluss über die Entwicklung des Altruismus geben, vermutet Kaspari.
Science, Onlinedienst ddp/wissenschaft.de ? Sonja Römer





