Umfangreiche Vaterschaftstests in einer Koala-Kolonie hatten ein überraschendes Ergebnis: Neben der “festen Beziehung” zum Reviernachbarn lassen sich die Weibchen offenbar nicht selten mit umherziehenden Männchen ein. Nur 55 Prozent der Jungtiere wurden vom nahegelegenen Sexualpartner gezeugt.
Bill Sherwin von der University of New South Wales und Ian Hume von der University of Sydney leiteten die dreijährige Untersuchung einer Koala-Kolonie von 400 Tieren auf einem Gebiet von zehn Quadratkilometern. Die Forscher sammelten jeweils 100 Blutproben von Jungtieren und Revier-besitzenden Koalamännchen. Mithilfe der daraus isolierten DNS wurden Vaterschaftstests durchgeführt. Diese haben ergeben, dass fast die Hälfte der Nachkommen von nächtlich umherschweifenden, nicht ortsgebundenen Männchen gezeugt wurden.
Es gibt also zwei Gruppen männlicher Koalas: die dominanten Männchen, die ein markiertes Revier besitzen und sich mit verschiedenen Weibchen aus angrenzenden Territorien paaren, sowie nicht sesshafte Nachtschwärmer, die während der Brutzeit als Schürzenjäger unterwegs sind.
Einerseits profitiert ein Weibchen davon, wenn es sich mit einem Revierbesitzer paart, der aufgrund körperlicher Überlegenheit in der Lage ist, die Konkurrenten zu verscheuchen. Mit großer Wahrscheinlichkeit können so die eigenen Gene an gesunde Nachkommen weitergegeben werden. Andererseits wäre es schlecht, alles auf eine Karte zu setzen. “Es ist von Vorteil, wenn das Weibchen zeitweise die Abwechslung sucht, und sich mit möglichst vielen Männchen paart”, sagt Sherwin.
Im Norden des australischen Bundesstaates New South Wales gilt im Gegensatz zu einigen anderen Landesteilen der Bestand an Koalas als gefährdet. Anlass für die Untersuchung war die Befürchtung, dass aufgrund zunehmender Inzucht in den kleinen Populationen eine Durchmischung des Erbguts nicht mehr gewährleistet ist. “Es gibt Hinweise darauf, dass sich Väter mit ihren Töchtern paarten”, sagt Sherwin. Im vorliegenden Fall hat sich diese Sorge jetzt als unbegründet erwiesen.
Joachim Czichos





