Ich habe mich schon als Kind für Fische interessiert und wollte, wenn ich groß bin, ein Fisch werden! Bald habe ich gemerkt, dass das nicht geht, doch meine Faszination für Fische blieb. Also studierte ich an der Dalhousie University in Halifax Meeresbiologie. Das hat Spaß gemacht, doch es genügte mir nicht: Ich wollte etwas bewegen in der Welt.
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Frau Dr. Foster, woher rührt Ihr Engagement zum Schutz der Meere?
Nach meinem Master in Fischphysiologie beteiligte ich mich an den Riffen vor den Philippinen an einer Studie. Das Project Seahorse hatte dort zusammen mit den Küstengemeinden zur Einrichtung von Meeresschutzgebieten beigetragen und wir wollten wissen, wie die Fische und Lebensräume auf diese Schutzmaßnahmen reagieren. Damals wurde mir klar, dass Fische nicht nur cool sind, sondern auch enorm wichtig für die Menschen. Ich wurde wissenschaftliche Mitarbeiterin im Project Seahorse – und so konnte ich meine Leidenschaft für Fische mit dem Meeresschutz verbinden und beides zu meinem Beruf machen.
Im Project Seahorse steht der Schutz der Seepferdchen an erster Stelle. Warum widmen Sie sich gerade diesen?
Bei meinen Tauchgängen auf den Philippinen bin ich eher zufällig auf die Seepferdchen gestoßen. Ich finde, dass es uns Menschen nicht zusteht, bestimmte Arten als wertvoller und schützenswerter zu betrachten als andere. Allein die Tatsache, dass jede einzelne Art aufgrund unzähliger Zufälle entstanden ist, ist Grund genug für ihren Schutz.
Seepferdchen sind ein wesentlicher Bestandteil der Artenvielfalt und wir sollten nicht zulassen, dass sie unseretwegen aussterben. Dazu kommt ein weiterer Punkt: Wenn ich von meiner Arbeit erzähle, bekomme ich so gut wie immer zu hören: „Seepferdchen, wie schön!“ Sie beflügeln die Fantasie und wirken auf niemanden bedrohlich – auch nicht auf Politiker.
Warum nennen Sie gerade Politiker?
Wenn ich versuche, mit Regierungsvertretern über Themen des Meeresschutzes zu sprechen – wie zum Beispiel nicht selektive und zerstörerische Fischerei –, werden sie schnell zurückhaltend, da es sich um ein heikles Thema handelt. Es ist viel einfacher, ein Gespräch über Seepferdchen anzufangen und es dann auf solche Fischereipraktiken zu lenken. Diese faszinierenden Wesen sind allseits beliebt und eignen sich deshalb als Botschafter für den Meeresschutz. Wir nutzen ihr gutes Image, um die wirklich großen Probleme unserer Ozeane anzugehen. Denn alle Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind, schaden auch den meisten anderen Lebewesen unserer Meere. Wenn wir Lösungen für Seepferdchen finden, helfen wir damit auch den anderen Meeresbewohnern.
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Laut der Internationalen Roten Listen gelten derzeit 16 der weltweit 46 Arten als bedroht. Für elf weitere Arten liegen uns nicht genügend Daten vor, um ihren Status einzuschätzen. Auch ihnen könnte es schlecht gehen, ohne dass wir davon wissen. Das bedeutet, dass wir uns um zwei Drittel aller Seepferdchenarten Sorgen machen.
Für Seepferdchen ist jede Art von Fanggerät gefährlich, das mit dem Meeresboden in Kontakt kommt; sie bleiben einfach darin hängen. Die größte Bedrohung sind Grundschleppnetze, also beschwerte Netze, die über den Meeresboden gezogen werden. Sie reißen alles mit und beschädigen oder zerstören dabei ganze Lebensräume. Die Seepferdchen werden also nicht gezielt gefangen, sondern landen als Beifang in den Netzen. Sie werden dann aus dem Fang herausgesucht und gelangen in den internationalen Handel. Getrocknete Exemplare werden größtenteils in der traditionellen Medizin genutzt, einige finden auch ihren Weg in den Kuriositätenhandel und es gibt noch eine eher kleine Nachfrage nach lebenden Tieren für Aquarien.
Wie wird dieser internationale Handel reguliert?
Man hat schnell gemerkt, dass viele Seepferdchen-Populationen bedroht sind. Daher stehen Seepferdchen seit 2002 im Anhang II des CITES-Übereinkommens, das den internationalen Handel mit gefährdeten Arten frei lebender Tiere und Pflanzen regelt. Es legt fest, dass der Handel mit Seepferdchen nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist. Die Unterzeichnerstaaten von CITES, also die meisten Länder der Welt, müssen sicherstellen, dass der Handel legal und nachhaltig ist. Über die Landesgrenzen hinweg darf er nur mit Genehmigungen erfolgen – und die dürfen nur erteilt werden, wenn der Handel den Wildpopulationen nicht schadet.
Offensichtlich ist der Handel aber nicht nachhaltig. Was läuft da schief?
Leider ist im Laufe der Zeit Folgendes passiert: Anstatt für einen nachhaltigen Handel zu sorgen und nur dafür die Genehmigungen auszustellen, hat eine Reihe von Ländern beschlossen, gar keine Genehmigungen mehr zu erteilen und den legalen Handel zu beenden. Im Project Seahorse haben wir uns gefragt: Ist der Handel dadurch zum Erliegen gekommen? Oder hat er sich nur in den Untergrund verlagert?
Getrocknete Seepferdchen lassen sich ja sehr leicht verstecken und über lange Zeiträume aufbewahren. Um uns ein Bild zu machen, haben wir alle Unterlagen über Beschlagnahmungen durchforstet, die zwischen 2010 und 2021 an die Öffentlichkeit gelangt sind. Diese Daten haben wir statistisch ausgewertet und die Ergebnisse im Fachjournal Conservation Biology publiziert.
Was ist die wichtigste Erkenntnis aus Ihrer Studie?
Tatsächlich hat der illegale Handel stark zugenommen. Unsere Analyse ergab, dass im Untersuchungszeitraum mindestens fünf Millionen Seepferdchen illegal in über 60 Länder geschmuggelt wurden. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs, vermutlich sind es um ein Vielfaches mehr. Wenig überraschend, wurden die wirklich großen Fänge per Seefracht transportiert. Wenn Regierungen also ernsthaft gegen den illegalen Handel mit Seepferdchen vorgehen wollen, müssen sie sich auf den Seeweg konzentrieren. Weiter fanden wir heraus, dass Seepferdchen oft zusammen mit anderen geschützten Wildtieren geschmuggelt werden. Die betroffenen Länder müssten also nicht unbedingt separate Durchsetzungsmaßnahmen für Seepferdchen, Haie, Schuppentiere oder Elfenbein entwickeln. Stattdessen könnten sie generelle Durchsetzungsprotokolle erarbeiten, um damit ihren CITES-Verpflichtungen artenübergreifend gerecht zu werden.
Das ist ein wichtiger Punkt, denn Regierungen haben nur begrenzte Ressourcen. Und es zeigt, dass unsere Forschung nicht nur Probleme erkennen, sondern auch Lösungswege für die Politik aufzeigen kann.
Welche Länder spielen bei diesem illegalen Handel die wichtigste Rolle?
Ein Großteil der Ware stammt aus Asien, insbesondere aus Südostasien. Das Hauptziel bleibt China inklusive Hongkong. Neben diesen altbekannten Handelsrouten haben wir auch einige neue aufgedeckt: Südamerika und insbesondere Peru ist eine wichtige Quelle. Etliche Beschlagnahmungen belegen zudem, dass Europa ein Umschlagplatz für den illegalen Handel mit Seepferdchen ist.
Spielt es für den Verkauf eine Rolle, woher die Seepferdchen stammen?
Getrocknete Seepferdchen haben ihren Platz in der traditionellen Medizin, nicht nur in China, sondern auch in anderen Ländern. Dabei gibt es gewisse Vorlieben: Glatte Exemplare werden gegenüber stacheligen bevorzugt, größere sind begehrter als kleine. Ob die Arten aus Europa oder anderswoher stammen, ist dabei weniger wichtig.
Wie stark trägt die traditionelle Medizin zum Rückgang der Seepferdchen bei?
Die traditionelle Medizin wird seit Jahrtausenden angewendet und wir möchten diese Praxis nicht verurteilen; uns kommt es nur darauf an, dass die Nutzung von Seepferdchen nachhaltig erfolgt. Wie wir wissen, stammt die Masse der gehandelten Tiere aus Beifängen. Selbst wenn sie überhaupt nicht mehr konsumiert würden, wären ihre Bestände dennoch durch nicht selektive Fischerei stark bedroht. Es gibt hier also keinen direkten Zusammenhang zwischen Angebot und Nachfrage, wie wir es etwa von Nashörnern und anderen Wildtieren kennen.
Deshalb liegt unser Fokus im Project Seahorse weniger auf der Importseite, sondern sehr stark auf der Angebotsseite: Wir arbeiten mit der Fischerei und den Regierungen zusammen, um mehr Nachhaltigkeit beim Fang zu erreichen.
Unsere Arbeit ruht auf vier Säulen. Zum einen betrachten wir die Seepferdchen selbst und erfassen den Zustand ihrer Populationen direkt in ihrem Lebensraum. Zudem betreiben wir das Citizen-Science-Projekt „iSeahorse“ über die Bestimmungs-App „iNaturalist“ und sammeln damit Sichtungen und Informationen über Seepferdchen aus aller Welt. Diese Daten fließen in die Bewertungen für die globale Rote Liste ein, für die wir verantwortlich sind, da wir die IUCN-Artengruppe für Seepferdchen, Seenadeln und Seedrachen leiten.
Unsere zweite Säule sind die Meeresschutzgebiete. Gesunde Seepferdchen-Populationen gibt es nur in gesunden Lebensräumen. Deshalb arbeiten wir an verschiedenen Orten daran, Lebensräume besser zu schützen.
Unsere dritte Säule ist die Fischerei. Wie bereits erwähnt, kommen Seepferdchen in einer Vielzahl von Fanggeräten, vor allem aber in Grundschleppnetzen um. Wir konzentrieren uns daher darauf, die Grundschleppnetzfischerei zu verstehen und alternative Lösungen zu finden. Denn um globale Erfolge für die Seepferdchen zu erzielen, müssen wir diese zerstörerische Art der Fischerei einschränken.
Die vierte Säule ist der Handel mit Wildtieren. Wir arbeiten daran, dass die 185 Regierungen, die sich verpflichtet haben, den Handel mit Seepferdchen legal und nachhaltig zu gestalten, ihrer Verpflichtung nachkommen – und dass sie die zur Umsetzung nötigen Informationen, Instrumente und Unterstützung erhalten.
Was haben Sie bisher erreicht?
Gerade arbeiten wir mit der indonesischen Regierung daran, ihren nationalen Aktionsplan zum Schutz von Seepferdchen zu stärken und Nachhaltigkeitsbewertungen für den Handel mit Wildtieren einzuführen. Sie nehmen das wirklich ernst und strengen sich an, alles richtig zu machen. Das sehen wir auch auf den Philippinen. Ein weiteres Beispiel ist der Senegal, wo derzeit noch ein Handelsverbot für Seepferdchen herrscht. Die Regierung möchte dieses Verbot aufheben und hat uns um Rat gebeten, wie sie einen nachhaltigen und legalen Handel aufbauen kann.
In allen drei Ländern haben die Regierungen die Initiative ergriffen und uns um Unterstützung gebeten. Die Herausforderungen, denen diese Länder in Bezug auf Seepferdchen gegenüberstehen, sind typisch für viele andere Orte auf der ganzen Welt. Deshalb können diese Länder als Vorbilder dienen und ihre Erkenntnisse an die globale Gemeinschaft weitergeben. //
Sarah Foster
Die Biologin ist leitende Wissenschaftlerin am Institut für Ozeane und Fischerei der University of British Columbia in Vancouver, Kanada. Sie ist Programmleiterin des „Project Seahorse“ und Ansprechpartnerin für globale Fischerei und Handel der Fachgruppe für Seepferdchen, Seenadeln und Seedrachen, die die Artenschutzkommission der Weltnaturschutzunion IUCN berät.
Interview: Monika Offenberger
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