Waschbären sehen mit ihrer dunklen Augenmaske und dem geringelten Schwanz zwar niedlich aus, können aber zur Plage werden. Der ursprünglich aus Nordamerika stammende Allesfresser ist äußerst anpassungsfähig und findet sowohl in Städten als auch auf dem Land reichlich Nahrung und Unterschlupf. Entsprechend breitet sich der Waschbär auch in Deutschland immer weiter aus und gilt in der EU bereits als invasive Art. Weil der Waschbär unter anderem auch Amphibien, Vögel und Kleinsäuger frisst, bedroht er heimische und bedrohte Arten.
Doch den niedlichen, aber schädlichen Eindringling wieder loszuwerden ist nicht einfach: Der Waschbär ist ein Allesfresser und äußerst anpassungsfähig. Versucht man, die Populationen durch Bejagung zu dezimieren, hält dies meist nicht lange: Die hohe Fortpflanzungsrate des Waschbären und seine Flexibilität ermöglichen ihm vielerorts eine schnelle Wiederbesiedlung der Lebensräume.
Waschbären mit GPS verfolgt
Ein Forschungsteam um Carolin Scholz vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung hat deswegen nun untersucht, wie sich die Waschbärenpopulationen gezielter kontrollieren lassen. Dafür werteten die Forschenden die Ergebnisse einer früheren GPS-Tracking-Studie aus der Uckermark aus. Bei dieser hatten Biologen 20 Waschbären mit GPS-Halsbändern ausgestattet und ihre Bewegungen über mehrere Monate verfolgt. Dies machte sichtbar, welche Lebensräume die Tiere nutzen und wie weit sie sich bei der Nahrungssuche bewegen.
„Wenn wir den Einfluss des Waschbären auf heimische Wildtiere – insbesondere auf bereits bedrohte Arten – reduzieren wollen, sollten wir nicht nur fragen, wie viele Waschbären es in einem Gebiet gibt, sondern auch, wo und wie sie jagen und was sie fressen“, sagt Scholz. Auf Grundlage der Tracking-Resultate haben Scholz und ihr Team nun Vorschläge, wie die Waschbärenbestände gezielter kontrolliert und Maßnahmen besser an einzelne Tiere und Lebensräume angepasst werden können.
Gezielte Entnahme bei besonders mobilen Exemplaren
„Unsere Ergebnisse sprechen dafür, Managementmaßnahmen stärker auf die individuelle Population und die jeweiligen Lebensräume zuzuschneiden“, sagt Scholz. Die GPS-Daten zeigen, dass sich die Waschbären unterschiedlich weit bewegen. Rund 80 Prozent hielten sich vor allem an größeren Gewässern auf und blieben meist in relativ stabilen Streif- und Jagdgebieten. Etwa 20 Prozent waren dagegen besonders mobil und suchten gezielt verschiedene Kleingewässer auf. Diese sind in Agrarlandschaften wichtige Biodiversitätshotspots: Hier konzentrieren sich zahlreiche Arten auf kleinem Raum.
Für Waschbären kommt dies einem reichgedeckten Buffet gleich: Sie finden dort ein vielfältiges Beuteangebot. Wenn die besonders mobilen Waschbären diese Lebensräume erreichen, können sie daher dort einen überdurchschnittlich großen negativen Einfluss auf empfindliche Tierpopulationen haben. Als Gegenmaßnahme schlagen die Forschenden deshalb vor, in solchen Fällen gezielt einzelne Tiere zu entnehmen, statt flächendeckend zu jagen.
Verhütung als Maßnahme in Städten und dichten Populationen
In Städten ist die Lage jedoch eine andere. Hier kommen die Waschbären in deutlich höheren Bestandsdichten als auf dem Land vor. In Kassel leben stellenweise etwa 100 Waschbären pro Quadratkilometer, wie das Team berichtet. In Städten finden die Tiere neben reichlich Nahrung in Mülltonnen, auf Komposthaufen oder in Gärten auch viele Unterschlupfmöglichkeiten beispielsweise auf Dachböden oder in Schuppen. In solchen mit Waschbären dicht besiedelten Gebieten könnten nach Ansicht von Scholz und ihrem Team Verhütungsmittel ein geeigneter Weg sein, um die Waschbärenpopulation effektiv einzudämmen.
„Kontrazeption könnte für Waschbären langfristig eine wichtige Methode sein, die Fortpflanzung gezielt zu begrenzen“, sagt Scholz‘ Kollegin Myriam Schröder. Dafür kommen verschiedene Methoden von Kastration und Sterilisation bis hin zu hormonellen oder immunologischen Verhütungsmitteln infrage. Zwar werden einige Präparate bereits bei anderen Tierarten eingesetzt, für Waschbären ist über ihre Eignung bislang jedoch wenig bekannt. „Auch bei invasiven Arten müssen Wirksamkeit, Dauer der Behandlung und mögliche Nebenwirkungen sehr sorgfältig untersucht werden. Tierschutz und wissenschaftliche Evidenz müssen dabei die Grundlage jeder Anwendung sein“, sagt Schröder.
Wie verabreicht man die Verhütungsmittel möglichst gezielt?
Ein Vorteil der Verhütung: Normalerweise benötigen weibliche Waschbären während der Trächtigkeit und beim Säugen ihrer Jungtiere weniger Nahrung. Wird die Fortpflanzung verhindert, entfällt dieser zusätzliche Energiebedarf. Dadurch müssten die Weibchen zumindest in der Theorie auch weniger heimische Tiere erbeuten. Allerdings besteht eine Herausforderung darin, die Verhütungsmittel gezielt an Waschbären zu verabreichen, ohne andere Tiere durch die Wirkstoffe zu gefährden. Die Forschenden schlagen vor, dafür künftig automatisierte Fallen mit Kameras und künstlicher Intelligenz einzusetzen. Diese könnten einzelne Waschbären erkennen und ihnen gezielt Medikamente verabreichen.
Für die Umsetzung solcher Maßnahmen sei eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Naturschutz, Jagd und Politik wichtig, betont das Team. Zudem müssten die Maßnahmen wissenschaftlich begleitet und regelmäßig auf ihre Wirksamkeit überprüft werden. Langfristig brauche es zudem geeignete Finanzierungsmodelle, die kontinuierliche Management-Maßnahmen und deren Evaluation ermöglichen.
Quelle: Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Fachartikel: Naturschutz und Landschaftsplanung, doi: 10.1399/NuL.279322





