Seit einigen Jahren ist ein bestimmter Vogel in vilen Parks Parks zu finden: die Nilgans. Sie stammt ursprünglich aus Afrika und wurde zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert immer wieder als Zier- und Parkvogel nach Europa gebracht. Inzwischen leben 11.000 bis 15.500 Nilgans-Brutpaare in Deutschland – sie sind damit zahlreicher als die heimische Graugans. Das ist nicht unbedingt Grund zur Freude: Seit 2017 gilt die Nilgans in der EU als invasive Art. Die Gänse verschmutzen Parks und Freibäder mit ihrem Kot, machen heimischen Vögeln Konkurrenz und kreuzen sich mit anderen Wasservogelarten. Auch in der Landwirtschaft könnten sie Schäden verursachen, etwa indem sie Nutzpflanzen fressen. Bislang fehlen jedoch ausreichend Daten, um diese Auswirkungen genauer einzuschätzen.
Speiseplan und Parasiten der Nilganse im Blick
Ein Forschungsteam um Anna Viktoria Schantz von der Goethe-Universität Frankfurt hat deshalb untersucht, wovon sich Nilgänse ernähren und welche Parasiten sie in sich tragen. Dafür untersuchten die Forschenden von Ende 2021 bis Anfang 2025 insgesamt 100 Nilgänse aus der Wetterau in Hessen. Jedes Jahr nahmen sie dafür Proben von 25 Gänsen, die während der regulären Jagd im Winter erlegt wurden. Das Untersuchungsgebiet erstreckt sich teilweise entlang eines Flusses und beherbergt vor allem landwirtschaftlich genutzte Flächen, darunter zahlreiche Maisfelder.
„Für die Nahrungsanalyse haben wir den Kropfinhalt der Nilgänse untersucht. Da die Nahrung dort noch weitgehend unverdaut ist, lässt sich so besonders gut nachvollziehen, was die Tiere fressen“, erklärt Schantz. Dafür wogen sie und ihre Kollegen die Nahrungsreste im Kropf und bestimmten ihre Bestandteile. Außerdem untersuchten sie die Tiere auf Ekto- und Endoparasiten und kontrollierten dafür neben dem Verdauungstrakt auch andere Organe der Nilgänse. „Anhand der teilweise sehr spezifischen Lebenszyklen und Anpassung an bestimmte Wirte können Parasiten als verlässliche Indikatoren für die Ernährung und Lebensweise der Wirtstiere dienen“, erklärt Schantz.
Nilgänse ernähren sich pflanzlich - aber nicht nur
Die Ergebnisse zeigen, dass sich Nilgänse bei uns in Deutschland wie erwartet überwiegend von Pflanzen ernähren. So fanden die Forschenden besonders häufig Mais, Getreide und Gräser in den Speiseröhren der Tiere. Aber auch Regenwürmer und Muschelreste waren in den Kröpfen der Nilgänse zu finden. Das belegt, dass sich die als Vegetarier geltenden Vögel zu einem gewissen Anteil auch tierisch ernähren. „In einem Untersuchungsjahr wurden zudem Erdbeeren in den Nilgans-Kröpfen nachgewiesen. Da diese zum Zeitpunkt der Probenahme noch nicht ihre natürliche Reifezeit erreicht hatten, könnte es sich dabei um eine vom Menschen bereitgestellte oder anderweitig zugängliche Nahrungsquelle gehandelt haben“, erklärt Schantz.
Die Forschenden stellten außerdem fest, dass Nilgänse Opportunisten sind: Sie fressen vor allem das, was in ihrer Umgebung reichlich vorhanden ist - zum Beispiel das, was wir Menschen anbauen. So entdeckten sie bei 46 Prozent der untersuchten Vögel Mais, im Winter 2021/2022 sogar bei 95 Prozent der Nilgänse. „Unsere Ergebnisse zeigen deutlich: Nilgänse fressen, was reichlich vorhanden und leicht zu finden ist“, erklärt Seniorautor Sven Klimpel von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt am Main. „Kommt das nur sporadisch vor, hat das auch keine großen Auswirkungen und bedeutet nicht unbedingt, dass Ernteschäden, zum Beispiel beim Maisanbau, entstehen. Kommt es jedoch zu sehr großen Ansammlungen von Nilgänsen, die eben diese Flächen frequentieren, dann kann das unter Umständen zu Konflikten mit der Landwirtschaft führen.“ In Afrika, dem Ursprungsgebiet der Nilgans, richtet sie schon heute Ernteschäden an.
17 verschiedene Parasiten in den Gänsen nachgewiesen
Während der Kropfinhalt nur die zuletzt gefressene Nahrung zeigt, können Parasiten auch Hinweise auf frühere Nahrungsaufnahmen liefern. Insgesamt entdeckten die Forschenden 17 verschiedene Parasitenarten in den hessischen Nilgänsen, sieben davon wurden erstmals in Europa nachgewiesen. Besonders häufig waren die Gänse von Federläusen befallen, die bei 75 Prozent der untersuchten Tiere vorkamen. Bei 48 Prozent entdeckten Schantz und ihr Team außerdem Kratzwürmer, die den Dünndarm von Wasservögeln befallen. Da Kratzwürmer Flohkrebse als Zwischenwirte brauchen, müssen die befallenen Nilgänse zuvor solche Kleinkrebse gefressen haben.
„Unsere neue Studie zeigt, dass Nilgänse nicht nur in Parks und Freibädern für Konflikte sorgen, sondern auch landwirtschaftliche Flächen als Nahrungsquelle nutzen und dadurch wirtschaftliche Risiken entstehen können. Gleichzeitig tragen die invasiven Vögel verschiedene Parasiten in sich, die auch für Haus- und Zuchtgeflügel relevant sind“, sagt Klimpel. Was die Tiere fressen und welche Parasiten sie tragen, hänge von Jahreszeit, Lebensraum und Klima ab. Um die Folgen der Nilgans und ihre Rolle im Ökosystem besser zu verstehen, seien deshalb Untersuchungen über das ganze Jahr nötig.
Quelle: Goethe-Universität Frankfurt. Fachartikel: International Journal for Parasitology: Parasites and Wildlife. doi: 10.1016/j.ijppaw.2026.101288





