Putzerfische und ihre „Kunden“ pflegen eine besondere Beziehung: Die einen ernähren sich von den Parasiten der anderen. Diese Begegnungen dient nicht nur hygienischen Zwecken, sondern auch dem Wohlbefinden der Tiere.
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Text: Christina Genet
Stillhalten, Flossen abspreizen und das Maul öffnen. Wenn es darum geht, sauber zu werden, wissen Fische, wo es hingeht und wie sie auf sich aufmerksam machen. Die meisten von ihnen besuchen dafür sogenannte „Reinigungsstationen“, an denen Putzerfische wie Labroides dimidiatus oder Labroides bicolor ihre Pflege übernehmen. Die sozialen Interaktionen dieser Arten basieren darauf, andere Fische zu reinigen. Im Gegenzug finden sie Nahrung in Form von Parasiten, die sie von ihren sogenannten „Kunden“ entfernen.
„Es ist ein bisschen so, als wären die Fische so etwas ähnliches wie Ärzte, die ihre Patienten behandeln“, fasst Marta Soares zusammen. Die Meeresbiologin von der Universität Porto in Portugal beschäftigt sich seit Jahren mit den sozialen Interaktionen zwischen Putzerfischen und ihren Kunden. Auf zahlreichen Forschungsreisen konnte sie viele Reinigungsaktionen selbst beobachten – in der Karibik, im Roten Meer, vor der australischen Küste oder sogar in Portugal.
Dabei kommen ungewöhnliche Szenen zustande, beschreibt sie. Um die Wirtsfische von Parasiten zu befreien, dringen die winzigen Putzerfische nämlich in deren Maul ein – ein riskantes Vorhaben, wenn man bedenkt, dass sie für manche dieser Fische eigentlich Beute sind. Doch ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis sorgt in der Regel für einen friedlichen Ablauf.
Allerdings nutzen einige Putzerfische die Situation auch aus. Sie ernähren sich nicht nur von Parasiten, sondern gelegentlich auch von der Schleimhaut ihrer Kunden, die besonders proteinreich und schmackhaft für sie ist. Ein Verhalten, das nicht zur ursprünglichen „Vereinbarung“ gehört und das sie mit einer scheinbar harmlosen Massage zu kaschieren versuchen. Dabei setzen sie sich meistens auf den Rücken ihrer Kunden und massieren sie mit ihren Bauch- und Brustflossen. „Man könnte fast sagen, sie sind ein wenig hinterhältig“, kommentiert Soares lachend.
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Putzereinsätze können das Stressniveau bei Fischen senken
Reinigungsaktionen sind im Tierreich der Fische weit verbreitet, selbst Raubfische oder Haie nehmen solche Dienste in Anspruch. Für die Forschung sind sie deshalb besonders interessant, um soziale Verhaltensweisen unter Fischen besser zu verstehen. Auch Soares ist seit Langem von den Beziehungen zwischen Putzerfischen und ihren Kunden fasziniert.
Als die Meeresbiologin in ihrem Labor beobachtete, dass Fische Putzerstationen auch dann aufsuchen, wenn sie keine Parasiten haben, warf das neue Fragen auf. Spielen neben der reinen Hygiene noch andere Motive eine Rolle? Und könnte es sein, dass die Tiere diese Interaktionen mögen? In einem Forschungsprojekt zeigte sie daraufhin, dass die Reinigungsvorgänge und der dabei entstehende Körperkontakt eine beruhigende Wirkung auf die Fische haben. Sie senken ihren Cortisolspiegel – ein Hormon, das unter anderem mit Stress verbunden ist.
Aus dieser Erkenntnis heraus entstand eine weitere Studie, die zu aufschlussreichen Ergebnissen führte. Im August 2025 wurden diese in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences veröffentlicht. Die Studie zeigt erstmals, dass Fische aus der Interaktion mit Putzerfischen tatsächlich eine Form von Vergnügen ziehen und dabei ihr Opioidsystem aktivieren – ähnlich wie beim Menschen.
Mit dem Opioidsystem ist ein Neurotransmittersystem im zentralen Nervensystem gemeint, das über verschiedene Rezeptoren wirkt. „Es ist an einer Vielzahl von Funktionen beteiligt, insbesondere an der Schmerzregulierung, aber auch an der Entstehung von Lust“, erklärt Caio Maximino, Neurowissenschaftler und Zellbiologe an der Bundesuniversität Pará in Brasilien, der die Studie gemeinsam mit Soares leitete.
Substanzen wie Morphin oder Codein – auch als Opioide bekannt – werden häufig in der Schmerztherapie eingesetzt und wirken direkt auf dieses System. Sie binden sich an sogenannte Opioidrezeptoren in Gehirn und Rückenmark und dämpfen so Schmerzsignale. Zugleich können sie auch Entspannung und Wohlbefinden auslösen. Diese Wirkstoffe verdeutlichen die besondere Doppelrolle des Opioidsystems zwischen Schmerz und Gefallen. Sie müssen jedoch mit Sorgfalt verabreicht werden, da sie sonst in manchen Fällen zu Abhängigkeit führen können.
Ob auch Fische Lust empfinden können, galt in der Wissenschaft bisher als weder vorstellbar noch erforscht. Negative Gefühle nachzuweisen sei deutlich einfacher, so Soares, da Tiere dafür programmiert seien, entsprechende Situationen zu vermeiden. „Das ist, in anderen Worten, ihr Überlebensinstinkt“, erklärt die Meeresbiologin.
Die Conditioned Place Preference (konditionierte Ortspräferenz) ist ein Konzept aus der Verhaltensforschung, das dieses Prinzip gut veranschaulicht: „Bekommt ein Lebewesen einen Elektroschock auf der linken Seite des Aquariums, wird es diesen Ort künftig meiden“, erklärt Soares. Um herauszufinden, welche Motivation hinter den Interaktionen zwischen Putzerfischen und ihren Kunden steckt, drehten die Forschenden das Prinzip um: Sie fragten sich, ob Fische sich auch an positive Erfahrungen erinnern und wie sich das in ihrem Verhalten widerspiegelt.
Maximino und Soares führten dafür mehrere Experimente durch und setzten drei Tage lang einen Wirtsfisch zusammen mit einem Putzerfisch in ein Aquarium. Zunächst beobachteten sie, ob der Kunde eine Präferenz für die rechte Seite – mit Putzerfisch – oder die linke Seite – ohne Putzerfisch – zeigte. Dann gestatteten sie ihm zwei Reinigungseinsätze des Putzerfisches. Am dritten Tag wollten sie wissen, ob er sich daran erinnerte und dasselbe Verhalten beibehielt. Es zeigte sich, dass der Fisch auch ohne direkte Begegnung an diesem Tag mehr Zeit auf der rechten Seite verbrachte.
Nach der erfolgreichen Konditionierung gingen die Forschenden einen Schritt weiter: Sie wollten herausfinden, inwiefern das Opioidsystem an den Entscheidungen des Fisches beteiligt ist. Dafür verabreichten sie ihm drei verschiedene Wirkstoffe: einen, der das Opioidsystem verstärkt, einen, der es blockiert, und ein Placebo. Das Ergebnis war eindeutig: Wurde das Opioidsystem blockiert, zeigte der Fisch keine Präferenz, wurde es verstärkt war seine Vorliebe für die rechte Seite umso größer.
In einem dritten Experiment untersuchten Maximino und Soares schließlich die Motivation der Fische, Zeit mit dem Putzerfisch zu verbringen. Dafür stellten sie mehrere Schranken im Aquarium auf, die den Zugang des Tieres zum Putzerfisch erschweren sollten. Auch wenn die Ergebnisse von einem Individuum zum anderen relativ stark variierten, zeigte sich insgesamt, dass die Fische bereit waren, die Hindernisse zu überwinden. Als die Forschenden ein weiteres Mal die Schranken zum Einsatz brachten und prüften, ob das Opioidsystem auch hierbei eine Rolle spielt, konnten sie jedoch keine eindeutige Schlussfolgerung ziehen.
Wollen oder mögen – eine Frage der Motivation
Für Maximino veranschaulicht das letzte Ergebnis eine feine Verhaltensnuance bei Fischen, die auch von Menschen bekannt ist: den Unterschied zwischen Mögen und Wollen. „Wenn ich Lust auf Kuchen habe, kann ich zur Bäckerei gehen und mir ein Stück holen. Da ich Kuchen mag, entsteht mein Wille, zur Bäckerei zu gehen, auch wenn ich ursprünglich keine große Lust habe, das Haus zu verlassen, und schon Essen dahabe“, erklärt der Forscher mit einem Beispiel. Ob wir etwas mögen oder wollen, spiegelt also unsere Motivation wider und unterscheidet zwischen Bedürfnissen und Vorlieben.
Im letzten Experiment kommt demnach zum Vorschein, dass Mögen und Wollen bei den Fischen nicht durch dasselbe physiologische System gesteuert werden. Während die Kunden offenbar Gefallen an der Interaktion mit dem Putzerfisch finden, wird ihr Opioidsystem aktiviert. Geht es darum, Hindernisse zu überwinden, um Zugang zum Putzerfisch zu erhalten – also ein Verhalten, bei dem sie extra Aufwand reinstecken müssten und das sie somit aktiv wollen müssen – scheint das Opioidsystem keine Rolle mehr zu spielen, so Maximino. „Wir vermuten derzeit, dass stattdessen Dopamin in diesem Prozess involviert sein könnte.“ Ob sich diese Hypothese bestätigt, muss allerdings erst noch gezeigt werden – ein Ausgangspunkt für zukünftige Forschungsarbeiten der beiden Wissenschaftlerinnen.
Ein Schritt für das Wohlbefinden von Fischen
Marta Soares hat die Hoffnung, dass ihre Forschung die gesellschaftliche Wahrnehmung von Fischen – von Zierfischen bis hin zu gezüchteten Arten aus der Aquakultur – verändern kann. „Vielleicht wird man künftig mehr Wert darauf legen, Fischen einen angenehmeren Lebensraum zu bieten, wenn man sich bewusst ist, dass auch sie in der Lage sind, Dinge zu mögen“, sagt sie.
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