Öffnung freigeknabbert
Doch wie sich jetzt zeigt, umgehen die Männchen einiger Arten der Schwarzen Witwen dieses Dilemma mit einer raffinierten Strategie. Entdeckt haben dies Daniela Biaggio von der University of Toronto und ihre Kollegen bei Beobachtungen der beiden Witwenarten Braune Witwe (Latrodectus geometricus) und Rotrückenspinne (Latrodectus hasselti). Bei beiden Arten hatten Biologen häufiger beobachtet, dass sich ein Männchen an einem unreifen Weibchen zu schaffen machte, es schien sich sogar mit ihm zu paaren. Um das zu überprüfen, führten die Forscher Versuche mit eingefangenen und im Labor großgezogenen Spinnen durch. Dabei setzen sie Männchen zu Weibchen des letzten Jugendstadiums und schauten, was passiert.
Dabei zeigte sich Erstaunliches: Sobald die unreifen Witwen zwei bis vier Tage vor ihrer letzten Häutung waren, wurden die Spinnenmännchen aktiv. Sie näherten sich den Weibchen und begannen, an ihrem noch weichen Panzer zu knabbern. “Die Männchen öffneten dabei die Kutikula des Weibchens mit ihren Scheren und machten so die noch verdeckten Genitalöffnungen zugänglich”, berichten Baggio und ihre Kollegen. Dann kopulierten die Männchen mit den junge Weibchen – jedoch ohne den Tod fürchten zu müssen: “Bei diesen Paarungen mit unreifen Weibchen war sexueller Kannibalismus sehr selten”, berichten die Forscher. Für die Männchen sei diese Strategie daher auf zweifache Weise vorteilhaft: Zum einen sichern sie sich bei diesem Weibchen den Fortpflanzungserfolg, weil die Spermien der allerersten Paarung gewöhnlich den größten Anteil am Nachwuchs bekommen. Zum anderen aber können die Spinnenmännchen später noch mit einem weiteren Weibchen kopulieren, weil sie die Paarung überleben. Auch das erhöht damit ihren Fortpflanzungserfolg.
Diese raffinierte Taktik der Spinnenmännchen scheint im Freiland durchaus häufig zu sein: “Unsere Daten zeigen, dass immerhin ein Drittel aller Männchen der Rotrückenspinne diese alternative Strategie nutzen und sich mit unreifen Weibchen paaren”, berichten die Forscher. Auch bei der Braunen Witwe gebe es häufig Berichte solcher Paarungen. Doch diese Strategie hat auch ihre Tücken: Versucht sich ein Männchen mit einer Witwe zu paaren, die nicht kurz vor der Häutung steht, sondern jünger ist, dann wird es gefährlich. Denn diese Weibchen wehren sich heftig und töten das übergriffige Männchen. Der Spinnenmann muss daher sehr genau aufpassen, um das enge Zeitfenster zwei bis vier Tage vor der letzten Häutung abzupassen. Diese Schwierigkeit könnte erklären, warum nicht längst alle männlichen Witwenspinnen diese Strategie nutzen, so die Forscher.





