Heutige Primaten, zu denen auch wir Menschen gehören, gelten als sehr soziale Lebewesen. Affen und Menschenaffen leben oft in Gruppen und pflegen komplexe Beziehungen. „Häufig wird jedoch angenommen, dass der Vorfahre aller Primaten ein Einzelgänger war und dass sich andere Formen der sozialen Organisation erst später entwickelt haben“, erklärt ein Team um Charlotte-Anaïs Olivier von der Universität Straßburg in Frankreich. „Zahlreiche Studien haben nahegelegt, dass der Urahn der Primaten klein und nachtaktiv war und auf Bäumen lebte.“ Diese Eigenschaften treffen auch auf einige heute lebenden Lemurenarten zu. Von diesen wiederum glaubte man, sie seien überwiegend als Einzelgänger unterwegs – und übertrug diese Annahme auf den Urahn aller Primaten.
Sozialer als gedacht
„Zahlreiche neuere Feldstudien haben nun aber gezeigt, dass Lemuren deutlich sozialer sind als angenommen und häufig in Paaren zusammenleben“, berichten Olivier und ihr Team. Um zuverlässiger abschätzen zu können, wie sozial die ersten Primaten wahrscheinlich waren, stellte das Forschungsteam eine Datenbank mit Informationen über das Sozialleben von mehr als 200 Primatenarten zusammen. Dafür bezogen sie Feldstudien zu fast 500 wildlebenden Populationen ein.
Dabei stellten sie fest, dass die meisten Primatenarten vielfältige Formen der sozialen Organisation aufweisen. „Am häufigsten waren Gruppen, in denen mehrere Weibchen und mehreren Männchen zusammenlebten, wie etwa bei den Schimpansen oder Makaken. Am zweithäufigsten kamen Gruppen mit nur einem Männchen und mehreren Weibchen vor – wie bei Gorillas oder Languren“, berichtet Co-Autor Adrian Jäggi von der Universität Zürich. „Ein Viertel aller Arten organisierte sich aber auch in Paaren.“
Einzeln fressen, gemeinsam schlafen
Viele Arten, die in früheren Studien als einzelgängerisch beschrieben wurden, klassifizierten Olivier und ihr Team nicht als Einzelgänger. „In früheren Studien wurden Arten als solitär lebend beschrieben, wenn die Individuen allein auf Futtersuche gehen“, erklären die Forschenden. „Unsere Datenbank zeigt aber, dass viele dieser Populationen abseits der Futtersuche als Paare oder Gruppen zusammenleben und gemeinsame Schlafplätze teilen.“ Für die Definition als Paar genügte es dem Forschungsteam, wenn zwei Individuen ein Territorium teilten und häufig gemeinsam schliefen – auch wenn sie nicht gemeinsam Nachwuchs aufzogen oder sexuell monogam lebten.
Mit statistischen Methoden knüpften die Forschenden Verbindungen zwischen dem Sozialleben einer Art und weiteren Merkmalen wie der Körpergröße, der Ernährung, dem Aktivitätsmuster und dem Lebensraum. Daraus erstellten sie ein statistisches Modell, das für jede Kombination dieser Merkmale vorhersagt, welche Form der sozialen Organisation unter diesen Bedingungen am wahrscheinlichsten ist. Dieses Modell wendeten sie auch auf den letzten gemeinsamen Vorfahren aller Primaten an. Dabei legten sie in Übereinstimmung mit Fossilfunden und früheren Untersuchungen zugrunde, dass es sich dabei um einen kleinen, nachtaktiven Baumbewohner handelte.





