Bisschen übertrieben?
Genau darüber berichtete auch Alexander von Humboldt im Rahmen seiner Erkundung des Amazonasgebiets. Um Zitteraale für Untersuchungen zu bekommen, trieben seine Gehilfen Pferde in einen Teich, in dem sich die Fische befanden. Dies sollte dazu führen, dass sich die gestressten Aale entladen, so dass sie sich gefahrlos fangen ließen. Wie Humboldt berichtet, verhielten sich die bizarren Wesen dabei allerdings spektakulär aggressiv: Sie attackierten die Pferde regelrecht, so dass zwei der paralysierten Opfer schließlich ertranken. Auf den Illustrationen zu dem Bericht ist sogar zu sehen, wie einer der Zitteraale eines der Pferde anzuspringen scheint.
Doch die Geschichte des Naturforschers galt bislang als fragwürdig. “Als ich sie zum ersten Mal las, dachte ich: Das ist Unsinn”, sagt Kenneth Catania von der Vanderbilt University in Nashville. “Warum sollten die Aale Pferde angreifen und nicht stattdessen einfach wegschwimmen”, so der der Zitteraal-Experte. Doch nun ist klar: Die Geschichte Humboldts scheint absolut plausibel.
Catania berichtet über spektakuläre Verhaltensweisen, die er bei seinen in Aquarien gehaltenen Zitteraalen festgestellt hat: Wenn sie sich durch ein teilweise im Wasser befindliches Objekt in die Ecke gedrängt fühlen, schnellen sie aus dem Wasser und springen es an. Dabei pressen sie ihr Kinn an den potenziellen Feind und verpassen ihm eine Serie von heftigen Stromstößen. Um diesem spannenden Verhalten genauer auf den Grund zu gehen, führte Catania Versuche mit speziell präparierten Feind-Attrappen durch: Er reizte seine geladenen Versuchstiere mit einem künstlichen Arm und einem Alligator-Kopf – beide waren mit Elektronik sowie Leucht-LEDs ausgerüstet.
Eine clevere Strategie der fischigen Elektro-Freaks
Seine Ergebnisse machten klar, weshalb die Tiere bei ihren Angriffen aus dem Wasser springen: Je höher ihr Kopf den “Feind” berührt, desto heftiger ist der verpasste Stromstoß. Der Grund dafür hat mit dem raffinierten Elektro-System der Fische zu tun. Es wirkt gleichsam wie eine Batterie – mit dem Pluspol am Kopf und dem Minuspol am Körperende des langen Tieres. Im Wasser kann ein Zitteraal dadurch zwar bereits einem nahen Opfer Stromstöße verpassen, doch bei einem großen Feind, dessen Körper nur ein Stück weit im Wasser steckt, ist der Effekt vergleichsweise gering: Strom fließt nur durch den untergetauchten Bereich – beispielsweise durch die Spitze der Schnauze eines Tieres. Springt der Aal hingegen den höher liegenden Bereich des Opfers an, schließt sich der Stromkreis über einen größeren Körperbereich – mit drastischem Effekt. Diesen verdeutlichte das Aufleuchten der Dioden an den Versuchs-Attrappen des Alligator-Kopfes beziehungsweise des menschlichen Arms. “Man muss sich das Aufleuchten als Symbol einer Reizung von Schmerz-Nerven vorstellen. Das macht klar, wie effektiv diese Angriffe sein können”, sagt Catania.





