Nicht erst der Mensch hat sich die Elektrizität zunutze gemacht – im Laufe der Evolution haben Fische aus verschiedenen Familien bereits Potenzial entwickelt: Sie setzen Spannungsfelder und Stromstöße beim Beutefang, zur Verteidigung oder zur Navigation und Kommunikation ein. Einige Vertreter der Biovoltaik-Gemeinde erreichen beachtliche Potenziale. Als die unangefochtenen Rekordhalter gelten dabei die Zitteraale aus den Gewässern der Amazonasregion. Bei diesen Vertretern der Messerfische wird die Spannung durch abgewandelte Muskelzellen unter der Haut erzeugt. Der Kopf bildet dabei den Plus- und das Körperende den Minuspol. So können sie hunderte Volt Spannung aufbauen und damit heftige Stromstöße durch ihre Beutetiere und Feinde jagen. Die Schlagkraft kann dabei sogar Menschen paralysieren.
Eine seltsame Zitteraal-Ansammlung im Visier
Seit einiger Zeit widmet sich das Team um David de Santana vom National Museum of Natural History in Washington DC der Erforschung dieser skurrilen Fische. Sie konnten bereits zeigen: Im Amazonas-Becken sorgen gleich drei Zitteraal-Arten für Spannung. Der König der Biovoltaik ist dabei Electrophorus voltai: Er schlägt mit der Rekordspannung von bis zu 860 Volt zu, ergaben die Messungen der Wissenschaftler. Diese rund einen Meter langen Zitteraale standen nun auch im Fokus der aktuellen Studie. Die Forscher entdeckten eine Ansammlung von mehr als 100 ausgewachsenen Exemplaren in einem kleinen See, der mit dem Iriri-Fluss im Amazonasbecken verbunden ist. Um zu untersuchen, was es mit dieser seltsamen Versammlung auf sich haben könnte, erfassten die Forscher das Verhalten der Fische durch Videoaufnahmen.
Die Auswertungen des Filmmaterials ergaben: Die meiste Zeit des Tages und der Nacht lagen die Zitteraale fast bewegungslos in tieferen Bereichen des Sees und kamen nur selten an die Oberfläche. Aber in der Abend- und Morgendämmerung war erstaunliche Betriebsamkeit zu verzeichnen: Die Fische schienen miteinander zu interagieren und zahlreiche Tiere begannen, in einem großen Kreis zu schwimmen. Im Zentrum trieben sie dabei Tausende bis zu etwa fünf Zentimeter große Fische zu immer engeren Schwärmen zusammen. Die Forscher beobachteten, wie das Zitteraal-Geschwader die konzentrierten Beutetiere dann vom tieferen Bereich des Sees in etwa ein Meter tiefes Flachwasser trieb.
Vereinte Schlagkraft trifft umzingelte Opfer
Dort lösten sich dann bis zu zehn Zitteraale aus der Gruppe und begannen den umzingelten Schwarm in der Mitte des Kreises gemeinsam mit synchronisierten Stromschlägen zu attackieren. Einige der Beutefische wurden dabei durch ihre Muskelkrämpfe aus dem Wasser geschleudert. Anschließend machte sich dann die gesamte Zitteraal-Gruppe über die gelähmten Opfer her. Jedes Jagdritual in der Morgen- oder Abenddämmerung dauerte etwa eine Stunde und beinhaltete zwischen fünf und sieben Hochspannungsangriffe, berichten die Wissenschaftler.





