Ähnlich wie Zugvögel unternehmen auch verschiedene Insektenarten teils lange Wanderungen, um zwischen ihren Winter- und Sommerquartieren zu wechseln. Oft erfolgen die Reisen über mehrere Generationen hinweg, wobei die Bedingungen unterwegs bestimmen, wie gut sich die Insekten vermehren können. Insektenwanderungen haben mitunter massive Auswirkungen auf die Landwirtschaft: Manche Arten dienen als Bestäuber, andere fallen in großer Zahl über die Pflanzen her und können Kahlfraß verursachen. Manche Insekten können zudem Krankheiten übertragen. „Deshalb ist es unerlässlich, dass wir die Bewegungsmuster von Insekten besser verstehen“, betont ein Forschungsteam um Gao Hu von der Agraruniversität von Nanjing in China.
Von Afrika nach Europa
Für die aktuelle Studie haben die Forscher untersucht, wie Distelfalter von Afrika nach Europa wandern und welche Faktoren dabei ihre Populationsgröße bestimmen. „Es ist bekannt, dass die Anzahl der Distelfalter in Europa stark schwankt, manchmal sind es von einem Jahr zum anderen hundertmal mehr“, erläutert Co-Autor Tom Oliver von der University of Reading in Großbritannien. „Die Bedingungen, die dies verursachen, waren jedoch unbekannt, und die Vermutung, dass die Schmetterlinge die Wüste Sahara und die Ozeane queren könnten, um Europa zu erreichen, war nicht bewiesen.“
Um den Voraussetzungen für große Distelfalter-Populationen in Europa auf den Grund zu gehen, werteten die Forscher Daten von Schmetterlingszählungen von 1994 bis 2015 aus und glichen diese mit Wetteraufzeichnungen ab. „Diese Forschung zeigt, dass diese unwahrscheinliche Reise über Wüste und Meer möglich ist und dass bestimmte Klimabedingungen vor der Migrationssaison einen großen Einfluss auf die Anzahl derer haben, die es schaffen“, sagt Oliver. In den 21 untersuchten Jahren gab es fünf, in denen besonders große Schmetterlingspopulationen in Europa ankamen. 1996, 2003, 2006, 2009 und 2015 müssen die Klimabedingungen auf der Reiseroute demnach offenbar besonders günstig für die Distelfalter gewesen sein. Anhand statistischer Modelle berechneten die Forscher, welche klimatischen Faktoren die Populationsschwankungen am besten erklären.
Mit Rückenwind über die Wüste
Zu ihrer Überraschung stellten sie fest, dass ein wichtiger Einflussfaktor offenbar die Niederschläge während der Wintermonate in der Savanne südlich der Sahara sind. „Das ist aus zwei Gründen unerwartet“, schreiben die Autoren. „Erstens ist die Savanne typischerweise im Winter sehr trocken, und so mag es überraschen, dass diese Region scheinbar in bestimmten Jahren eine große Anzahl von Distelfaltern hervorbringt. Zweitens legen unsere Ergebnisse nahe, dass die Schmetterlinge in der Lage sein müssen, die Sahara-Wüste gegen die jahreszeitlich vorherrschenden Winde zu durchqueren – eine enorme Herausforderung für Insekten, die vergleichsweise kurzlebig und flugschwach im Vergleich zu Zugvögeln sind.“





