Wahnvorstellungen und Halluzinationen, Ängste und Antriebsarmut kennt etwa einer von hundert Menschen in Deutschland: Rund ein Prozent der Bevölkerung erleidet mindestens einmal im Leben einen Schizophrenie-Schub. Die wahren Gründe dafür sind allerdings noch kaum bekannt.
Angenommen wird eine genetische Grundlage, erläuterten Mediziner auf dem 7. Welt-Kongress für Biologische Psychiatrie in Berlin. Diese Disposition, für die aber noch kein Gen-Ort benannt werden kann, führe in Kindheit und Jugend zu einer kaum sichtbaren, aber ungünstigen Minderentwicklung des Gehirns. Von dieser biologischen Grundlage aus könnten Symptome entstehen, die wiederum zum sozialen Rückzug der Betroffenen beitragen.
“Die Psychiatrie kommt damit zur These von Emil Kraepelin zurück, der vor 100 Jahren sagte, Schizophrenie ist eine Erkrankung des Gehirns”, berichtete Prof. Peter Falkai von der Psychiatrischen Klinik der Universität Bonn. Erst seit wenigen Jahrzehnten, seitdem es hochauflösende bildgebende Verfahren gebe, könne die These von der Biologie der Schizophrenie einigermaßen belegt werden.
Bei einigen, nicht bei allen Erkrankten sind die flüssigkeitsgefüllten Hohlräume des Gehirns (Ventrikel) vergrößert, andere Hinregionen verkleinert. Auch der Thalamus, die Schaltstation des Gehirns, hat eine geringere Zahl von Nervenzellen. Das wiederum führe zu einem Ungleichgewicht der Botenstoffe im Hirn, sagte Arvid Carlsson (Göteborg/Schweden), der für seine Schizophrenieforschung im vergangenen Jahr zusammen mit anderen den Medizinnobelpreis erhielt.
Mehr als 50 Jahre lang haben Therapeuten versucht, das “Spaltungsirresein” psychoanalytisch zu behandeln. Sie deuteten den Rückzug der Patienten und ihre unverständlichen Verhaltensanomalien als “Wesen” der Erkrankung. “Das ist ein Irrtum”, betonte Prof. Heinz Häfner vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (Mannheim).
Die Heilungserfolge der Analytiker waren bescheiden. Bei den seltenen Heilungen handelte es sich möglicher Weise um einen wieder verschwindenden Einmalschub. Bei 20 Prozent der Schizophrenen komme das vor, sagte Häfner. “Psychoanalyse ist sogar kontraindiziert. Sie kann die Symptome hervorrufen, die sie behandeln soll”, ergänzte Prof. Wolfgang Gaebel, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Erst mit den vor 50 Jahren entdeckten Botenstoffen und daraus entwickelten Medikamenten erhielten die Psychiater ein funktionierendes Instrument, das wenigstens die Symptome der Schizophrenie dämpft. Zehn Prozent der rund 800 000 in Deutschland an Schizophrenie Erkrankten können dennoch nicht selbstständig leben, und weitere 30 bis 40 Prozent brauchen soziale Unterstützung und geschützte Arbeitsplätze, sagte Gaebel. Die Psychologie komme zum Zuge, wenn es darum gehe, den Betroffenen den Umgang mit ihrer im Grunde unheilbaren Krankheit beizubringen. Eine ursächlich-genetische Behandlung stehe noch in den Sternen.
dpa





