Die intensive und lange elterliche Fürsorge gilt als ein fundamentaler Bestandteil der Erfolgsgeschichte des Menschen. Sie ermöglichte es unseren Vorfahren, die relativ zur Körpermasse besonders großen und leistungsfähigen Gehirne hervorzubringen. Die Denkorgane benötigen viel Energie und wachsen nur langsam, wodurch die lange Kindheit nötig wurde. Damit einher ging auch ein weiterer wichtiger Effekt: Die kontinuierliche elterliche Fürsorge während der langen Kindheit ermöglichte eine kulturelle Übertragung: Der menschliche Nachwuchs kann komplexe Fähigkeiten sowie Verhaltensweisen erlernen und erneut weitergeben.
Schimpansen-Waisen im Blick
Wenn auch nicht ganz so ausgeprägt, gelten diese Aspekte auch für die Schimpansen. „Wenn wir unsere nächsten lebenden Verwandten erforschen, dann lernen wir dabei auch etwas darüber, welche Faktoren uns zu Menschen gemacht haben“, sagt Erstautorin Catherine Crockford vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (MPI-EVA). Auch diese Menschenaffen durchleben eine ungewöhnlich lange Kindheitsphase – es gibt allerdings Unterschiede zum Menschen: Schimpansenmütter stillen ihre Kinder bis ins Alter von vier bis fünf Jahren. Danach bleiben sie zwar in engem Kontakt mit ihnen, versorgen sie aber nur selten direkt mit Nahrung. Meistens geht der Nachwuchs dann bereits selbst auf Nahrungssuche. Dadurch ist ein Überleben ohne die Mutter grundsätzlich möglich.
Im Rahmen ihrer Studie sind die MPI-Wissenschaftler gemeinsam mit Forschern des Taï-Schimpansenprojekts in der Elfenbeinküste nun der Frage nachgegangen, wie sich der Verlust der Mutter in dieser Phase auf das weitere Leben männlicher Nachkommen auswirkt. Wie sie erklären, lag der Fokus auf den männlichen Nachkommen, da sie als Erwachsene in der gleichen Gemeinschaft wie ihre Mütter bleiben, während Weibchen oft in andere Gemeinschaften ziehen. Für die Studie werteten die Forscher Daten von drei Schimpansengruppen aus, die seit über dreißig Jahren untersucht werden. Sie umfassen Verhaltensstudien, Informationen über Verbindungen unter den Tieren sowie genetische Proben, die Vaterschaftstests ermöglichen.
Weitreichende Folgen der Verwaisung
Wie die Forscher berichten, ging aus den Daten von zwölf männliche Schimpansen, die ihre Mütter nach dem Abstillen, aber vor Erreichen der Geschlechtsreife verloren hatten, hervor: Sie zeugten durchschnittlich später und vor allem deutlich weniger Nachkommen als elf Vergleichs-Männchen, die nicht von dem frühen Verlust betroffen waren. Die verwaisten Männchen verbrachten im Gegensatz zu diesen zudem nur etwa halb so viel Zeit in Alpha-Männchen-Positionen, ging aus den Datenauswertungen hervor. „Unsere Studie belegt, dass auch bei Schimpansen die Anwesenheit und Fürsorge der Mutter während der besonders langen Kindheit einen wichtigen Einfluss auf die Fitness ihrer Kinder hat. Es scheint, dass bereits unser letzter gemeinsamer Vorfahre mit dem Schimpansen diese wichtigen mütterlichen Eigenschaften besessen hat, welche sich dann ganz erheblich auf die Evolution von Menschen und auch Schimpansen ausgewirkt haben könnten“, sagt Crockford.





