Text: Horst Hamm
Die Einwohner von Grünwald, einer Gemeinde südlich von München, haben gleich in mehrfacher Weise Glück. Einmal gibt es in rund 4000 Metern Tiefe eine Schicht mit Wassertemperaturen von fast 130 Grad Celsius. Dann gehört die Gemeinde mit ihren über 11.000 Einwohnern zu den eher wohlhabenden in Deutschland. Und nicht zuletzt haben Bürgermeister und Gemeinderat vor über 15 Jahren beschlossen, den Schatz unter ihren Füßen zu heben, genauer gesagt anzuzapfen.
Denn im bayerischen Voralpenland bildete sich vor 135 Millionen Jahren eine mehrere Hundert Meter mächtige, zerklüftete und mit Wasser gefüllte Kalksteinschicht, der sogenannte Malm des Süddeutschen Molassebeckens. Unter dem Druck der entstehenden Alpen sank er Richtung Süden bis weit unter 5000 Meter in die Tiefe. Wobei es mit jedem Tiefenmeter heißer wird: Auf der Höhe des Flughafens Münchens messen Geologen in 2000 Metern Tiefe ungefähr 65 Grad warmes Wasser, direkt unter dem Zentrum von München sind es 93 Grad, 30 Kilometer weiter südlich bei Holzkirchen sogar 150 Grad in über 5000 Metern Tiefe – ideale Voraussetzungen zur geothermischen Nutzung.
„Unsere Stadtväter haben sich für ein Geothermie-Kraftwerk entschieden, als die Bundesregierung die enormen Möglichkeiten dieser Technik noch gar nicht auf dem Radar hatte“, erläutert Andreas Lederle, der Geschäftsführer der Erdwärme Grünwald. Rund 200 Millionen Euro hat die Gemeinde seitdem aus ihren Rücklagen zur Verfügung gestellt und 2009 mit dem Bau der Anlage begonnen – keine vier Kilometer südlich vom Gemeindezentrum entfernt. Gleichzeitig hat sie das Fernwärmenetz bis ganz in den Norden Grünwalds verlegen lassen, um möglichst viele Bürger anschließen zu können. Die Bohrungen, das Heiz- und Stromkraftwerk kosteten 70 Millionen Euro, 100 Millionen das inzwischen 67 Kilometer lange Fernwärmenetz inklusive der Hausanschlüsse. Und für knapp 30 Millionen Euro erwarb Erdwärme Grünwald 95 Prozent der benachbarten Geothermieanlage in Unterhaching.
Im Juni 2010, nicht einmal ein Jahr nach Bohrbeginn, waren die Bohrungen abgeschlossen, im Oktober 2011 floss bereits geothermisch erzeugte Fernwärme an den ersten Abnehmer, den Struwwelpeter-Kindergarten. Sämtliche kommunalen Einrichtungen sind inzwischen angeschlossen, inklusive Freizeitpark und Schwimmbad. Seit Ende 2014 erzeugt die Anlage grünen Strom, noch vor Weihnachten 2017 war das Fernwärmenetz fertiggestellt. Auch die Bavaria Filmstudios als Schlüsselkunde im Norden Grünwalds stellten früh auf die klimafreundliche Wärmeversorgung um.
Zwei Bohrungen waren notwendig, die an der Oberfläche nur wenige Meter auseinander liegen. Mit der Produktionsbohrung holt die Erdwärme Grünwald 128 Grad heißes Wasser an die Oberfläche. Nachdem das heiße Wasser seine Wärme per Wärmetauscher an das Wasser im Fernwärmenetz abgegeben hat und dadurch auf rund 60 Grad abgekühlt ist, wird es über die sogenannte Reinjektionsbohrung wieder in die Tiefe zurückgeführt. „Wir entziehen keinen Tropfen Wasser, sondern halten das gesamte System in einem natürlichen Gleichgewicht“, so Geschäftsführer Lederle.





