Gegen den Hunger ist ein Kraut gewachsen. Die auf afrikanischen Gewässern wuchernde Wasserhyazinthe, die auch den Victoriasee im “Würgegriff” hat, wollen Mecklenburger Biologen in wertvolles Eiweiß verwandeln. Eine Testanlage zur Verwertung des subtropischen Unkrauts soll auf der Ostseeinsel Poel vor Wismar errichtet werden.
Seit Jahren schon versuchen Wissenschaftler den Victoriasee, den mit knapp 69 000 Quadratkilometern Fläche zweitgrößten Süßwassersee der Welt, vor dem biologischen “Umkippen” zu bewahren. In den Anrainerstaaten Uganda, Kenia und Tansania brachten Experimente, mit mechanischen oder biologischen Mitteln dem rasanten Wachstum der Wasserhyazinthen Einhalt zu gebieten, bislang wenig Erfolg, wie Prof. Horst Gerath vom Fachbereich Verfahrens- und Umwelttechnik der Hochschule Wismar weiß. Die Variante, aus Wasserhyazinthen Biogas zu gewinnen, habe sich als nicht rentabel herausgestellt.
Die Wismarer Experten, die sich seit Jahren mit der Verwertung nachwachsender Rohstoffe wie Holz, Stroh oder Seegras befassen, haben nun eine Methode zur Nutzung der Wasserhyazinthen entwickelt. Im Poeler Technikum wollen sie mit einer speziellen Apparatur beweisen, dass die in Afrika im Überfluss vorhandene Wasserpflanze dem Ernährungskreislauf auf dem schwarzen Kontinent zugeführt und zugleich der Victoriasee gerettet werden kann.
“Der Kollaps des Sees wäre eine Katastrophe für eine der produktivsten Regionen Afrikas”, sagt Friedrich Rakow. Der Biologe arbeitete jahrelang in ostafrikanischen Nationalparks und will nun in Wismar und Rostock promovieren. Bereits jetzt blieben Schiffe im Pflanzendickicht stecken. Vor allem aber sei die Tierwelt des Sees und damit der Fischfang als Ernährungsquelle Nummer eins für 30 Millionen Menschen gefährdet, erklärt Rakow.
Für das Forscherteam um Professor Gerath ist die einst aus Südamerika nach Afrika eingeschleppte Wasserhyazinthe das “schlimmste Unkraut der Welt”. Die Poeler Methode sieht vor, die Wucherpflanzen an Wehren mit großen Greifern aus dem See zu fischen und etwa zu Ethanol – Bio-Kraftstoff – oder besser noch zu wertvollem Eiweißfutter für Strauße zu verarbeiten. Die afrikanischen Laufvögel könnten auf großen Farmen gehalten werden und entscheidend zur Fleischversorgung der Menschen beitragen, hofft Gerath.
Der Professor ist sich sicher: Wenn in Malchow auf Poel, einem modernen Laborkomplex der Hochschule Wismar, erst eine Testanlage arbeitet, ist auch der Weg zum Bau von Verarbeitungsstätten in Afrika offen. “Die Weltbank finanziert solche Projekte”, meint Gerath. Auch Indien, China, weitere afrikanische Länder sowie Staaten des karibischen Raums hätten Interesse angemeldet, sagt Rakow. Denn nicht nur Wasserpflanzen, sondern auch Rückstände von Reis oder Zuckerrohr könnten mit der “Mecklenburger Methode” verwertet werden.
Eine Pilotanlage koste etwa zehn bis zwölf Millionen Mark (6,1 Mio Euro), schätzt Gerath. Demgegenüber lägen die Kosten für eine Testapparatur, wie sie jetzt für Praxisversuche auf Poel aufgebaut werden soll, nur bei einer halben Million Mark. Das Geld jedoch konnten bislang weder die Wismarer Hochschule noch das Land Mecklenburg-Vorpommern aufbringen, ein Projektantrag ans Entwicklungshilfe-Ministerium des Bundes scheiterte. Gerath: “Private Investoren sind uns ebenso willkommen.”
Vorerst gehen die findigen Forscher von Poel nun ans andere Ende der Welt, um ihre Verwertungsmethode für Biomasse in der Praxis anwenden zu können: Auf Kuba wollen sie zusammen mit Wissenschaftlern deutscher wie auch heimischer Universitäten eine Anlage zur Verarbeitung von Zuckerrohr-Reststoffen zu eiweißreichem Tierfutter aufbauen. Rakow, künftig Koordinator des Vorhabens, hofft auf eine Förderung des Projekts durch die EU ab 2002.
dpa





