Der Kontakt mit der Straße löst aus Autoreifen einen feinen Abrieb, der unter anderem Mikroplastik und giftige Schadstoffe enthält. Die Partikel des Abriebs gelangen mit dem Wind in die Umwelt und mit dem Regen in Gewässer und Klärschlamm. Letzterer dient häufig als Düngemittel in der Landwirtschaft, was bedeutet, dass der im Schlamm enthaltene Abrieb auch in die oberen Schichten von Ackerböden gelangt. Da sich dort auch die Wurzeln von Nutzpflanzen befinden, könnten die Chemikalien von dort in pflanzliche Lebensmittel gelangen.
Salat im Schadstoffbad
Um herauszufinden, ob Gemüse tatsächlich giftige Stoffe aus dem Reifenabrieb aufnimmt, haben Forschende um Stephanie Castan von der Universität Wien entsprechende Laborexperimente durchgeführt. Dafür setzten sie den Nährlösungen von Salatpflanzen fünf Chemikalien zu. Vier dieser organischen Verbindungen kommen bereits bei der Reifenherstellung zum Einsatz, sie dienen unter anderem zur schnelleren Vulkanisation des Kunststoffs, als Antioxidantien, Weichmacher und Prozess-Hilfsmittel. Die fünfte Chemikalie, ein Antioxidans, entsteht erst, wenn der Reifen auch wirklich in Gebrauch ist. Dieses sogenannte 6PPD-Chinon ist nachweislich giftig und wird zum Beispiel mit dem Lachs-Massensterben in den USA in Verbindung gebracht.
Während der Kultivierung der Testpflanzen nahmen die Forschenden regelmäßig Proben von Wurzeln und Blättern. Mithilfe hochauflösender Verfahren der Chromatografie-Massenspektrometrie untersuchte Castans Team dann anhand dieser Proben, wie viel dieser fünf Chemikalien jeweils von den Salatpflanzen aufgenommen wurden. Außerdem verfolgten die Wissenschaftler, was der Salat mit den Schadstoffen tat, sobald sie in seine Leitungsbahnen und Gewebe gelangt waren. Wo speichert er sie ab? Zu welchen Verbindungen verstoffwechselt er sie?
Schadstoffe und ihre Derivate auf dem Teller
Das Ergebnis: „Unsere Messungen zeigten, dass die Salatpflanzen alle von uns untersuchten Verbindungen über die Wurzeln aufnahmen, in die Salatblätter verlagerten und dort anreicherten“, berichtet Castans Kollegin Anya Sherman. Dabei zogen die Pflanzen auch dann Chemikalien aus der Nährlösung, wenn diese noch in grobkörnigerem Reifengranulat steckten. Die Analysen enthüllten zudem, dass der Salat die verschiedenen chemischen Verbindungen für seinen Stoffwechsel verwendet und daher chemisch umwandelt und abbaut. „Die Pflanzen verarbeiteten die Stoffe und erzeugten dabei auch Verbindungen, die bisher nicht beschrieben wurden. Da wir die Toxizität dieser Stoffwechselprodukte nicht kennen, stellen sie eine nicht abschätzbare Gesundheitsgefahr dar“, betont Thorsten Hüffer, ebenfalls Teil des Forschungsteams.
Die von der Salatpflanze verstoffwechselten Produkte sind außerdem sehr stabil. Das bedeutet, dass sie höchstwahrscheinlich auch noch bis zu unserem Essensteller erhalten bleiben. Beim Salatverzehr gelangen die Stoffe dann in unseren Körper und werden dort abgebaut. „Wenn also jemand einen solchen kontaminierten Salat isst, könnten die ursprünglichen Chemikalien im Körper wieder freigesetzt werden“, erklärt Sherman. In Anschlussstudien will das Forschungsteam nun herausfinden, wie und ob Salatpflanzen auch auf dem Acker Reifenabrieb aus dem Boden aufnehmen. Vermutlich laufen die Prozesse dort noch einmal anders ab als im Labor, erklärt das Team.




