Zwei Vorfahren des modernen Menschen haben sich wohl nicht – wie bisher angenommen – in einer Linie entwickelt, sondern lange Zeit parallel existiert. Das legt eine Entdeckung von Forschern um Fred Spoor vom University College London nahe. Das Team hatte in der Nähe des kenianischen Turkana-Sees einen 1,44 Millionen Jahre alten Kieferknochen ausgegraben. Nachdem die Wissenschaftler die Größe und Form der sechs vorhandenen Zähne analysiert hatten, ordneten sie das Fossil der Frühmenschenart Homo habilis (geschickter Mensch) zu.
Damit wird eine gängige Lehrmeinung über den Haufen geworfen, die besagt, dass sich Homo erectus, der vor etwa 1,9 Millionen Jahren in Afrika auftauchte, aus Homo habilis entwickelt hat. Der neue Fund legt dagegen nahe, dass beide Frühmenschen fast eine halbe Million Jahre gemeinsam Seite an Seite in Ostafrika lebten. Die Wissenschaftler halten es deshalb für unwahrscheinlich, dass sich die eine Art aus der anderen entwickelt hat. Spoor vermutet, dass H. habilis und H. erectus unterschiedliche ökologische Nischen besetzten und nicht miteinander konkurrierten. Denn Untersuchungen der Knochen haben ergeben, dass H. habilis mehr Pflanzennahrung zu sich nahm, während H. erectus Fleisch bevorzugte. Der Forscher ist überzeugt, dass beide Arten von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, der vor zwei bis drei Millionen Jahren in Afrika lebte. Gefunden wurden seine Reste allerdings bislang nicht.
Ein weiterer Fossilienfund in Kenia rüttelt ebenfalls an der gängigen Hypothese zum Stammbaum des Menschen: der kleinste bisher gefundene Schädel eines erwachsenen Homo erectus. Bisher nahm man an, dass H. erectus dem H. sapiens bereits sehr ähnlich war – abgesehen von seinem kleineren Gehirn. Der neu entdeckte 1,55 Millionen Jahre alte Schädel ist jedoch extrem klein. Der Unterschied zu anderen H. erectus-Schädeln ist so groß, dass die Forscher an ein ähnliches Phänomen wie bei heutigen Gorillas denken: Dort haben männliche Tiere viel größere Schädel als weibliche. So seltsam es klingt: Dieses Merkmal wird von Wissenschaftlern mit Polygamie in Verbindung gebracht. „Es ist wahrscheinlich”, meint Spoor, „dass auch der Frühmensch mehrere Frauen hatte. Dann würde er sich vom eher monogamen H. sapiens noch mehr unterscheiden als angenommen.”





