Nachdem sie auf Mallorca einst fast ausgerottet waren, kreisen über der liebsten Ferieninsel der Deutschen wieder Hunderte Geier. Das ist vor allem einem beherzten Artenschutz zu verdanken – aber auch dem Zufall.
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Text: Kurt de Swaaf
Pizarra hatte noch Glück. Die Gänsegeier-Dame war auf ihrem alljährlichen Herbstzug nach Westafrika in Richtung Gibraltar, als irgendjemand das Feuer auf sie eröffnete. Und traf. Retter fanden den verwundeten Vogel in den Bergen nordwestlich von Malaga. Röntgenaufnahmen zeigten mehrere Schrotkugeln in ihrem Körper, eine davon hatte die Knochen in Pizarras rechtem Bein zertrümmert. Richtig verheilt ist das nie. Da das Geier-Weibchen so in freier Wildbahn nicht überleben würde, sitzt es nun zusammen mit ein paar anderen dauergeschädigten Artgenossen in einem Gehege der „Fundación Vida Silvestre Mediterránea“ (FVSM) in Campanet auf Mallorca. Kost und Logis auf Lebenszeit, doch fliegen werden diese Vögel nicht mehr.
Erfolgreiche Auswilderung
Trotz ihres Handicaps wirkt Pizarra ziemlich entspannt. Langsam dreht sie den Kopf und schaut zu den eigentlich im Beobachtungsraum versteckten Besuchern. „Ich vermute, sie können uns hören“, sagt Pep Tapia. Aber die Tiere seien ja auch Menschen gewöhnt. Tapia koordiniert das hiesige Geierschutzprojekt.
Drei verschiedene Arten dieser Großvögel leben auf der spanischen Baleareninsel: der Mönchsgeier (Aegypius monachus), der Schmutzgeier (Neophron percnopterus) und der Gänsegeier (Gyps fulvus). Ersteren gilt das Hauptinteresse der FVSM. Vor 40 Jahren waren die mallorquinischen Mönchsgeier fast ausgestorben, berichtet die Stiftungsdirektorin Evelyn Tewes. Man hatte sie lange als Schädlinge gesehen und beharrlich mit Gift und Gewehren verfolgt. Mitte der 80er gab es nur noch 19 Exemplare auf der Insel, darunter lediglich ein einziges aktives Brutpaar. Die Geier standen in ihrer Existenz kurz vor dem Aus. Bis eine Gruppe internationaler Greifvogelexperten zu Hilfe kam und die „Black Vulture Conservation Foundation“ (BVCF) gründete, erzählt Tewes. Sie selbst stieß 1987 als junge Doktorandin der Universität Wien dazu. Promotionsthema: Schutz und Lebensraumanforderungen des Mönchsgeiers.
Wenigstens mussten Tewes und ihre Mitstreiter nicht komplett bei null anfangen. „Wir haben damals Methoden, die schon beim Bartgeier ausprobiert wurden, zum ersten Mal hier auf Mallorca beim Mönchsgeier angewandt“, erklärt die Biologin.
Bartgeier, zoologisch Gypaetus barbatus, waren in den Alpen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgerottet worden. Österreichische Artenschützer hatten in den 70ern mit Zootieren ein Nachzuchtprogramm gestartet und 1986 mit der Wiederansiedlung begonnen. Das Vorhaben gelang. Auf Mallorca war die BVCF ebenfalls erfolgreich. Man stockte die noch verbliebene Inselpopulation mit 23 wieder hochgepäppelten Mönchsgeiern aus Auffangstationen vom spanischen Festland und zwölf weiteren in Zoos geborenen Exemplaren auf. Heute durchkreuzen wieder 350 der majestätischen Vögel den mallorquinischen Luftraum. Die letzte Zählung ergab 45 Brutpaare unter ihnen. Und der Bestand wächst weiter.
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Die Auswilderung gesund gepflegter und nachgezüchteter Tiere ist allerdings nur eine Säule des Erfolgs. Auch die in freier Wildbahn nistenden Mönchsgeier brauchen schließlich Schutz, denn sie sind ziemlich scheu. Und Störungen können dazu führen, dass die Vögel das Brüten abbrechen. Daher müssen Menschen von den Nestern ferngehalten werden – was auf Mallorca aufgrund der Touristenströme nicht immer einfach ist. Die Mönchsgeier der Inselpopulation nisten fast ausschließlich in der zerklüfteten Serra de Tramuntana, unter anderem nahe der Küste im Norden des Gebirgszuges. Über einem der dortigen Nester haben die Artenschützer eine Webcam installiert. So lassen sich die Vögel und ihr Verhalten praktisch rund um die Uhr ungestört beobachten.
Im Hauptgebäude der FVSM-Station werden die Live-Aufnahmen direkt auf einen Großbildschirm übertragen. Man sieht einen dunkel gefiederten Geier, der fast regungslos im Nest hockt. Das ist das Männchen, erklärt Pep Tapia; das wenige Wochen alte Küken ist aus diesem Winkel gerade nicht zu sehen. Der Vogelvater schützt den Nachwuchs mit seinem eigenen Schatten vor der sengenden Sonne. Ohne diese Abschirmung würde das Kleine bald einen Hitzschlag erleiden, wie Tapia erläutert. „Erst im Alter von etwa zwei Monaten ist es in der Lage, seine Körpertemperatur zu regulieren.“
Fressfeinde sind eine weitere Bedrohung, vor denen die Eltern vor allem ihr Gelege schützen müssen. Auf Mallorca geht die Gefahr in erster Linie von Raben und Möwen aus, sagt Tapia. Wenn Menschen brütende Geier aufscheuchen, können nimmersatte Nesträuber über das zumeist einzige, ungeschützte Ei herfallen. Die geschlüpften Jungvögel indes sind kaum noch gefährdet. Zwar gelten Steinadler und Uhus als potenzielle Prädatoren, doch die kommen auf Mallorca nicht vor.
Aegypius monachus nistet normalerweise auf Bäumen. In der Serra de Tramuntana wählen die Mönchsgeier dazu in der Regel große Pinien, erklärt Pep Tapia. „Einfach, weil die am häufigsten sind.“ Früher, als die Vögel fast vor der Ausrottung standen, brüteten sie auch in Eichenwäldern im Inneren der Insel. Jetzt erobern sie den einst aufgegebenen Lebensraum langsam wieder zurück, erzählt der Projektkoordinator. Jedes Brutpaar verfügt stets über mehrere Nistplätze innerhalb eines relativ kleinen Gebiets, fährt Tapia fort. Welcher davon genutzt wird, ändert sich oft von Jahr zu Jahr.
Im videoüberwachten Nest ist offenbar Schichtwechsel. Das Männchen hebt ab, gleich darauf trifft die Geiermutter ein. Sie beginnt sofort mit der Fütterung. Das Küken steckt den Schnabel in Mamas Rachen und bekommt so eine kräftige Portion vorverdaute Nahrung.
Willkommene Verwerter
Geier sind bekanntlich Aasfresser. Für mallorquinische Mönchsgeier bilden Ziegen die Hauptnahrungsquelle, erklärt Evelyn Tewes. Es gibt eine große, verwilderte Population solcher Huftiere auf der Insel, die vor allem in den Bergregionen der lokalen Vegetation schaden. Auf natürliche Weise verstorbene oder verunglückte Ziegen sind als Geierfutter bestens geeignet. Zusätzlich stehen den Vögeln tote Schafe aus der Landwirtschaft zur Verfügung, berichtet Tewes. „Im Sommer fressen die Mönchsgeier auch sehr gerne Kaninchen und fliegen dafür in die Ebene.“ Denn die Langohren fallen dann häufig der Virenkrankheit Myxomatose zum Opfer. Hier zeigt sich eine wichtige ökologische Funktion von Geiern, betont die Biologin. Durch die Beseitigung von Kadavern wird die Verbreitung von Krankheitserregern eingedämmt. Die gefiederten Aasfresser sind sozusagen Müllabfuhr und Gesundheitspolizei in einem.
In Bezug auf das Nahrungsangebot können Mönchs- und Gänsegeier durchaus koexistieren. „Gänsegeier fressen gerne große und mittelgroße Kadaver“, erläutert Evelyn Tewes. Kaninchen und ähnliches Getier seien eher nicht ihr Fall. An einem toten Schaf jedoch gibt es zwischen den beiden Arten „eine gewisse Arbeitsteilung“, erklärt die Biologin. Mönchsgeier sind mit ihren kräftigen Schnäbeln in der Lage, den Tierkörper schnell aufzureißen. Und sie fressen auch die zäheren Beuteteile wie Ohren, Haut und Sehnen. Die Gänsegeier wiederum bevorzugen die weicheren Stücke, sprich Innereien und Muskelfleisch, sagt Tewes. Geschmäcker sind eben verschieden.
In den Pyrenäen existieren alle vier europäischen Geierarten nebeneinander. Auf dem Festland, berichtet Evelyn Tewes, kann der Komplettverzehr von Kadavern in Vollendung beobachtet werden. Mönchs- und Gänsegeier fressen den Löwenanteil und balgen sich dabei zum Teil gehörig, während die kleineren Schmutzgeier am Rande des Geschehens die abfallenden Fetzen einsammeln. Die Bartgeier indes sind praktisch nur an den Knochen interessiert. Diese lassen sie aus der Luft auf Steine fallen und verschlucken anschließend die zerbrochenen Stücke. Um derart harte Kost verdauen zu können, verfügen die Nahrungsspezialisten über eine besonders ätzende Magensäure. Am Ende des großen Fressens bleibt von einem toten Steinbock oder einer Ziege fast nichts übrig. Für Ökologen ist dies ein klassisches Beispiel von „resource partitioning“, zu Deutsch Ressourcenaufteilung. Optimale Nutzung durch Artenvielfalt.
Überhaupt hat sich das Image der Tiere in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt, meint Evelyn Tewes. Auf Mallorca sähen die meisten Menschen sie jetzt sehr positiv. „Der Mönchsgeier ist zum Symbol für den Naturschutz geworden.“ Die Art wird als Thema im Schulunterricht behandelt, und die Bauern freuen sich, weil sie totes Vieh nicht mehr selbst beseitigen müssen. Früher flogen die Mönchsgeier sogar zur Nachbarinsel Menorca, um dort im Frühling tot geborene oder verendete Kälber zu fressen, erzählt Tewes. Heute machen die Vögel das kaum noch; es gibt auf dem eigenen Eiland genug Futter. „Wichtig aber ist, dass die toten Tiere nicht in menschlicher Nähe liegen“, sagt die Wissenschaftlerin. Die Geier bleiben scheu. Verkehrsopfer am Straßenrand rühren sie nicht an – gut so, denn sonst gerieten sie selbst schnell in Gefahr.
Vom Winde verweht
Gänsegeier waren auf Mallorca ursprünglich übrigens nicht heimisch; ihre heutige Präsenz ist einem einzigartigen Zufall zu verdanken. Im November 2008, genau während des Herbstzugs, fegte ein extrem starker Sturm über die Iberische Halbinsel. Hunderte junge, unerfahrene Gänsegeier wurden auf ihrer ersten Reise in den Süden vom Westwind erfasst und aufs offene Mittelmeer hinausgeblasen. Viele ertranken, aber nicht alle, erzählt Tapia.
Gut 100 der verwehten Vögel gelang es, sich auf die Insel zu retten. Manche von ihnen versuchten später, zum Festland zurückzufliegen, doch der Rest blieb und gründete eine neue Population auf Mallorca. 2012 gab es den ersten Nachwuchs. „So etwas passiert einmal in Jahrtausenden“, sagt Evelyn Tewes. „Ein naturgeschichtliches Ereignis.“ Mittlerweile haben sich die Vögel in ihrer neuen Heimat anscheinend gut eingelebt. Im Gegensatz zum Mönchsgeier nistet Gyps fulvus fast ausschließlich auf schroffen Felsen, wo er gerne Kolonien bildet. Wie die weiblichen Vertreter des Aegypius monachus, legt auch diese Art pro Brutsaison üblicherweise nur ein Ei.
In Gefangenschaft vermehren sich Gänsegeier leichter als Mönchsgeier, sagt Pep Tapia. Neben der FVSM-Station liegt etwas versteckt im Wald ein zweites Gehege, in dem vier weitere Geier untergebracht sind. Auch sie haben gesundheitliche Probleme, berichtet der Projektkoordinator. „Aber sie können noch fliegen.“ Er hofft, dass diese Exemplare nach ihrer Genesung wieder ausgewildert oder im Nachzuchtprogramm aufgenommen werden können.
Bartgeier werden sich dagegen nie auf Mallorca niederlassen, meint Evelyn Tewes. „Denen sind die Berge hier nicht hoch genug.“ Zwar leben auch Schmutzgeier auf der Insel, aber nur ein paar wenige Brutpaare. Wie die Gänsegeier nisten auch sie fast ausschließlich auf Felsen, und auch sie brauchen unbedingt Ruhe. Diese finden die Schmutzgeier eher auf Menorca, wo jährlich über 60 Paare brüten, berichtet Tewes. Auch die Landschaftsstruktur der Nachbarinsel sei anders. „Es gibt mehr Klippen und Canyons, wo der Mensch nicht hinkommt.“ Die Biologin geht davon aus, dass die Menorca-Population mittlerweile gesättigt ist. Gut möglich, dass deshalb in Zukunft verstärkt Tiere von dort nach Mallorca einwandern werden. Schmutzgeier vom Festland sind Zugvögel, doch nicht so die Inselbewohner unter ihnen, ergänzt Tewes. „Sie finden das ganze Jahr genug Futter und brauchen nicht in den Süden zu fliegen.“
Finca-Romantik trifft Naturschutz
Die positive Entwicklung der mallorquinischen Geierbestände ist ein überaus wichtiger Erfolg für den Naturschutz – umso mehr, weil die Populationen dieser ökologisch so bedeutsamen Vögel anderswo auf der Welt zum Teil stark dezimiert oder gar zusammengebrochen sind.
Aus Sicht der FVSM braucht Naturschutz allerdings einen ganzheitlichen Ansatz. Wie dieser in der Praxis umgesetzt wird, lässt sich rund 14 Kilometer nördlich von Campanet auf der Finca Ariant beobachten. Das direkt an der Felsenküste gelegene, circa 1.000 Hektar große Landgut wurde der Stiftung 2012 aus Privathand geschenkt. Es ist – man muss es so kitschig sagen – ein (fast) verborgenes Paradies. Am Fuße schroffer Berge breitet sich eine kleine Hochebene aus, flankiert von einem Waldstreifen und durchzogen von Hecken, Olivenbaumreihen und Steinmauern. Ein milder Wind streicht durch das noch grüne Getreide, daneben flattern Schmetterlinge über eine Blumenwiese. „Das Hauptziel dieses Projekts ist, die Biodiversität wiederherzustellen“, betont Pep Tapia. Der Erhalt der mosaikartigen Landschaftsstruktur spiele dabei eine zentrale Rolle. Nur 45 Hektar des Guts werden derzeit bewirtschaftet, erklärt Tapia – alles selbstverständlich nach streng ökologischen Kriterien. Der Rest des Areals bleibt weitgehend der Natur überlassen.
Im Westteil steht neben einem spärlich bewachsenen Feld der Auswilderungskäfig, im Prinzip nichts anders als eine übergroße Voliere mit ferngesteuertem Tor. Nächste Woche soll hier ein Gänsegeier untergebracht werden, berichtet Tapia. Das Tier hatte eine Bleivergiftung, wahrscheinlich durch Jagdmunition, die es beim Fressen verschluckt hatte. Nach zwei Monaten in der Auffangstation ist der Vogel jetzt wieder gesund.
In Sichtweite des Käfigs befindet sich ein fester Futterplatz, erläutert der Projektleiter. Dort werden regelmäßig Kadaver für wild lebende Geier ausgelegt. Der rehabilitierte Vogel soll sich durch Beobachten der Artgenossen wieder an sein natürliches Verhalten erinnern. Macht es den Eindruck, als würde der Lernprozess Früchte tragen, darf der Gänsegeier nach zwei Wochen durchs geöffnete Tor in die Freiheit zurückfliegen.
Über eine Schotterpiste geht es zum Beobachtungspunkt auf eine felsige Anhöhe. Momentan leben auf der Finca Ariant acht Mönchsgeierbrutpaare, erklärt Pep Tapia. „Die Geier sind die Flaggschiffspezies. Wenn man sie schützt, schützt man das ganze Ökosystem.“ Und das gilt auch umgekehrt. Die Mönchsgeier nisten in Küstennähe im gesperrten Bereich des Anwesens. Trotzdem sorgen Touristen immer wieder für Probleme, weil sie das Brutgebiet betreten. Man darf hier auf dem Landgut durchaus wandern, sagt Tapia. Aber eben nur auf den freigegebenen Wegen.
Von den Felsen aus schweift der Blick über das tiefblaue Meer und die steil aufragenden Kalkklippen auf der Gebirgsseite. In der Ferne das Cap Formentor, Mallorcas Wahrzeichen. Ein Wanderfalke fliegt vorbei; sein typischer, schrill pfeifender Ruf bleibt einem lange in den Ohren hängen. Dann, plötzlich, steigen zwei schwarze Silhouetten in den Mittagshimmel. Tatsächlich: Mönchsgeier. Die riesigen Vögel schweben auf der Thermik und lassen sich langsam kreisend in die Höhe tragen. Man könnte wetten, dass ihnen das so richtig Spaß macht. //
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