Text: Oliver Abraham
Die Böden auf der Schwäbischen Alb sind karg: „Viel Steine gab’s und wenig Brot“, beschrieb der deutsche Dichter Ludwig Uhland einst die Gegend. Nur anspruchslose Pflanzen konnten hier gedeihen – wie etwa die Linse. Da die Hülsenfrucht gleichzeitig einen hohen Nährwert besitzt, ist es kaum verwunderlich, dass sie in Deutschland einmal eine traditionsreiche Ackerfrucht war.
Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet ihr Anbau in Deutschland jedoch fast vollständig in Vergessenheit. Dabei werden Linsen nach wie vor gerne gegessen: Jährlich importieren wir um die 40.000 Tonnen, doch nur vier Prozent der hierzulande konsumierten Linsen werden in Deutschland hergestellt. Das zeigt, wie groß das Potenzial für einen regionalen Wiederaufschwung sein könnte.
Auch ihr Anbau ergibt ökologisch Sinn, denn Linsen gehören wie Soja, Erbsen oder Bohnen zu den Leguminosen, den Hülsenfrüchtlern, und gehen eine besondere Lebensgemeinschaft mit stickstoffbindenden Bodenbakterien ein. Dadurch sind sie in der Lage, Stickstoff aus der Luft zu binden und sich diesen als Nährstoff verfügbar zu machen – so überleben Linsen auch auf stickstoffarmen Böden. In einer Mitteilung zur Eiweißpflanzenstrategie des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) heißt es, dass der Einsatz von Leguminosen aufgrund ihrer Anbauweise auch dem Klimaschutz diene. Wegen ihrer natürlichen Bindung von Stickstoff kann bei künstlicher Düngung mit Nitrat gespart werden, das verbessert den Humusaufbau und die Qualität des Bodens.
Linsen muss man außerdem in einem ressourcenschonenden Mischanbau mit anderen Pflanzen ausbringen, die ihnen als eine Art Rankgerüst dienen: „Sie lassen sich nur mit einer Stützfrucht anbauen, die die zarten Linsen schützen und tragen, sonst würde sie jeder Regen zu Boden drücken“, erklärt Udo Hennenkämper. Der Agraringenieur ist Leiter des Keyserlingk-Instituts für Saatgutfoschung in Salem am Bodensee. Hier werden Sorteneigenschaften von Linsen, Roggen und verschiedenen Weizensorten geprüft und gezielt durch klassische Zucht sowie Anbau im Feld weiterentwickelt.
Fehlende Resistenzen
Trotz all dieser Vorteile werden zurzeit in Deutschland weniger Linsen angebaut, als möglich wäre. Historische Sorten, die jahrzehntelang als vergessenes oder archiviertes Saatgut ruhen, können nämlich nicht einfach wieder angebaut werden. Während die Saat schlummert, entwickeln sich Pflanzenkrankheiten und Schädlinge in der Natur weiter. Da die alten, in der Saatgutbank aufgehobenen Sorten keine Resistenzen mitentwickeln konnten, wären sie auf dem Acker neuen Bedrohungen schutzlos ausgeliefert und würden wahrscheinlich schnell absterben. „Erst müssen sie züchterisch verbessert werden“, erklärt Udo Hennenkämper. „Alle 20 Jahre wird üblicherweise in den Genbanken Saatgut erneuert.“ Das heißt, für die Saat geht es aus der reinen Konservierung der Genbanken hinaus in die Zucht, um gezielt gewünschte Eigenschaften wie Standfestigkeit, Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit zu fördern. Erst danach können die Linsensorten im landwirtschaftlichen Anbau erprobt werden. Vielversprechend seien traditionelle Sorten mit neuen Stützfrüchten und solche, die möglichst kälteresistent sind. Dann könnte die Aussaat im Oktober beginnen und die Ernte im Juli stattfinden – so werden höhere Erträge erzielt.





