Lemuren, Affen, Menschenaffen und der Mensch gehören zu den Primaten. Typisch für diese Ordnung der Säugetiere sind große, nach vorne gerichtete Augen, relativ große Gehirne, an das Greifen angepasste Hände und flache Nägel statt Klauen an den Fingern und Zehen. Fossilfunde legen nahe, dass die ersten Vertreter der Primaten schon am Ende der Kreidezeit vor rund 66 Millionen Jahren existierten. Wie und warum diese ersten Ur-Primaten aber ihre speziellen Merkmale entwickelten, ist bisher strittig. Klar scheint, dass die Greifhände das Leben auf Bäumen erleichterten, auch die für das räumliche Sehen günstige Position der Augen vorne am Kopf könnte den Ur-Primaten die Fortbewegung im Geäst erleichtert haben. Unklar ist allerdings, welche Rolle eine nächtliche Lebensweise für die großen, parallelen Augen spielte und wie sich die ersten Primaten ernährten: Waren sie Insektenfresser wie noch heute einige kleinere Vertreter dieser Gruppe? Oder waren ihre beweglichen Hände und Finger eher an das Greifen nach Früchten und Nüssen angepasst?
Verdauungsgene verraten Ernährungsweise
“Für beide Hypothesen gibt es stützende Indizien, aber welche korrekt ist, lässt sich nur durch eine Rekonstruktion der Ernährungsweise ursprünglicher Euprimaten klären”, sagen Yonghua Wu von der Nordost-Normal-Universität in China und seine Kollegen. Um darüber mehr Klarheit zu schaffen, haben sie zunächst nach genetischen Hinweisen bei 32 Primatenarten und vier eng verwandten Säugetieren als Vergleichsgruppe gesucht. Sie verglichen die Ausprägung und Entwicklung von 117 Genen, die mit der Verdauung und den dafür nötigen Enzymen verknüpft sind. “Diese Gene sind dafür bekannt, eine wichtige Rolle bei der Verdauung und Absorption von Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten zu spielen”, erklären die Wissenschaftler. Weil pflanzliche Nahrung reich an Kohlenhydraten ist, eine fleischlastige Ernährung dagegen mehr Fette und Proteine enthält, müsste sich das bevorzugte Futter der verschiedenen Primaten auch in diesen Genen zeigen.
Wie die Analysen ergaben, zeigen die Verdauungsgene bei den Primaten tatsächlich einen Entwicklungstrend: Im Vergleich zu den Kontrollgruppen und auch innerhalb der verschiedenen Primatenlinien nahm die Zahl der für die Fettverdauung zuständigen Gene signifikant zu, wie das Team feststellte. Bei den Genen für andere Nährstoffe zeigte sich dieser Trend hingegen nicht. Nach Angaben der Forscher spricht dies dafür, dass die ersten Primaten sich allmählich von Allesfressern hin zu einer fleischlastigeren Ernährung entwickelten. Während die eng verwandten Säugetiere noch Gene für die Verdauung von Kohlenhydraten, Proteine und Fetten verwendeten, mehrte sich bei den ersten Primaten der Anteil der Fettverdauungsgene. “Diese positive Selektion von Genen für die Fettverdauung deutet darauf hin, dass die ursprünglichen Euprimaten eine fettreiche Ernährung hatten”, berichten Wu und sein Team. “Sie waren wahrscheinlich Fleischfresser.” Dazu passen Fossilfunde früher Primaten, deren Zähne auf eine vorwiegend insektenbasierte Ernährung hindeuten.





