Rund doppelt so viele Teilnehmer wie im Jahr zuvor – der NABU ist begeistert von dem Erfolg der „Stunde der Gartenvögel“ 2020. Offenbar haben viele Menschen den durch die Corona-Krise verstärkten Aufenthalt im heimischen Umfeld für einen gezielten Blick auf ihre gefiederten Besucher genutzt. Manche wurden möglicherweise auch durch Berichte motiviert, denen zufolge es den Blaumeisen momentan ähnlich ergeht wie uns: Sie werden von einer Infektionskrankheit heimgesucht, die zu Lungenzündungen führt. Offenbar ist aber in diesem Fall kein Virus die Ursache – als Erreger wurde inzwischen das Bakterium Suttonella ornithocola identifiziert.
Opferzahlen einer Bakterien-Pandemie
Dieser für Menschen ungefährliche Keim war zunächst nur aus Großbritannien bekannt, sorgte dort aber nicht für ein überregionales Massensterben. In Deutschland wurde Suttonella ornithocola dann erstmals im April 2018 nachgewiesen. „Das massenhafte überregionale Auftreten in diesem Jahr ist für diesen Erreger neu. Außer Deutschland sind mindestens auch Luxemburg und Belgien betroffen“, so NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Nun zeichnet sich ab, wie viele Blaumeisen dem Erreger in Deutschland tatsächlich zum Opfer gefallen sind.
“Bundesweit betrachtet sind 22 Prozent weniger Blaumeisen pro Garten gemeldet worden”, berichtet NABU-Vogelschutzexperte Lars Lachmann. Es handelt sich um die mit Abstand niedrigsten Bestandszahlen seit Beginn der Zählungen im Jahr 2005. Um herauszufinden, ob der Rückgang wirklich auf das Konto der Epidemie geht, haben die Naturschützer für jeden Landkreis die Veränderungen der Blaumeisenzahlen mit zuvor erfassten Daten verglichen. Besorgte Vogelfreunde hatten sich wegen kranker oder toter Blaumeisen beim NABU gemeldet. “Je mehr Berichte toter Meisen aus einem Landkreis bei uns ankamen, desto größer waren dort auch die Bestandsrückgänge”, so Lachmann.
Wie er und seine Kollegen schätzen, handelt es sich vor dem Hintergrund des Gesamtbestands von etwa 7,9 Millionen erwachsenen Blaumeisen in Deutschland um ungefähr 300.000 an der Krankheit verstorbene Vögel. Glücklicherweise scheint sich nun aber die Lage zu bessern: Die in Deutschland bisher einmalige Vogel-Epidemie flaut seit Ende April deutlich ab.
Gewinner und Verlierer
Neben dem Sorgenkind Blaumeise ging es bei der Mitmachaktion natürlich auch um die Bestandsentwicklungen bei allen anderen Vögeln. Die Teilnehmer der Aktion haben in diesem Jahr innerhalb einer Stunde jeweils im Schnitt knapp 31 Vogelindividuen von gut elf verschiedenen Arten entdeckt, berichtet der NABU. Erneut steht dabei der Haussperling mit 5,3 Exemplaren pro Garten an der Spitze der Liste der Vogelsichtungen. In den Anfangsjahren der Aktion konnte die Amsel den Spatz dreimal überflügeln. Doch in den letzten Jahren kam es nicht dazu, denn auch diese beliebten Singvögel haben unter einem Erreger gelitten: Nach wie vor belastet das Usutu-Virus die Amsel-Bestände. Immerhin konnte diese Art aber mit im Schnitt 2,91 Exemplaren pro Garten das Ergebnis des Vorjahres halten und wurde in 94 Prozent aller Gärten innerhalb einer Stunde gesichtet.





