Das Reh sieht nicht so aus, als würde es nur schlafen. Milchig-grau sind seine offenen Augen, der Kopf ist im rechten Winkel zum Rücken verdreht. Der Brustkorb ist sichtbar. Dahinter ist etwas, das wie ein graues, gewundenes Plastikteil wirkt, sich aber bei genauerem Hinsehen als Gedärm entpuppt. Beide Vorderläufe fehlen. Einer liegt ein paar Meter weiter im hohen Gras. „Vorsicht”, warnt Ole Anders. „Nicht in den Pansen treten, den Geruch bekommt man nur schwer wieder los.”
Mit einem Messer trennt der Forstingenieur das Fell am Hals des Tiers ab und legt die Luftröhre sowie zwei kleine Löcher in der Haut frei, die er fotografiert. Anschließend schneidet er das Maul auf und macht ein Bild vom Gebiss. „Daran kann man das Alter des Rehs abschätzen.”
Gezielter Biss in die Kehle
„Das könnte ein Luchs gewesen sein”, meint Anders. „Mal sehen, ob die Fotofallen etwas hergeben.” Doch wer auch immer den Pansen am Waldrand des Nationalparks Harz im Gras verteilt und die Vorderläufe abgebissen hat, war sehr viel unordentlicher als ein Luchs. Eher ein Fuchs, der die Gelegenheit zur Mahlzeit nutzte, nachdem ein Luchs das Reh mit einem gezielten Biss in die Kehle getötet und sich daran fürs Erste gütlich getan hatte. Luchse fressen ihre Beute nämlich nicht auf einmal, sondern kehren mehrere Tage immer wieder zu ihr zurück.
Sicher sein kann sich der Leiter des Harzer Luchsprojekts aber erst nach der Auswertung der zwei Fotofallen. Er hat sie zu beiden Seiten der Beute aufgestellt, nachdem ein Jäger ihn einige Tage zuvor auf das gerissene Tier aufmerksam gemacht hatte. Am Ende packt er, mit Plastikhandschuhen ausgestattet, die Reste des Rehs ein und trägt sie ins Unterholz. Ein Luchs wird seine Mahlzeit dort wiederfinden – und versprengte Spaziergänger werden den Kadaver nicht bemerken. Die Chancen von Wanderern, das Raubtier zu Gesicht zu bekommen, stehen schlecht: Die gefleckten Katzen mit den Pinselohren jagen nachts und halten sich tagsüber in ihren abgeschiedenen Tageslagern im Wald auf.
Wer Luchse sehen will, sollte ins nahe gelegene Bad Harzburg am Nordrand des Mittelgebirges reisen. Hier ist der Räuber überall vertreten: auf Infobroschüren und Tassen, auf Kalendern und Postern sowie als Statue in der Mitte des Luchsbrunnens im Kurpark.
Der Luchs war in Deutschland aufgrund von Bejagung ausgerottet. Aus dem Harz verschwand er bereits Mitte des 18. Jahrhunderts. In Thüringen wurde das letzte Tier 1819 bei Luisenthal geschossen, und in Bad Hindelang im bayerischen Oberallgäu steht ein Haus, dessen Fassade eine Reihe von Luchsköpfen ziert. Darunter steht: „Die letzten Luchse erlegt 1836–1838.” Als heimtückisch wurde der Luchs zu jenen Zeiten betrachtet und als grausam. Und die Jäger des 18. und 19. Jahrhunderts sahen es gar nicht gern, dass der Luchs ihnen die Rehe wegfraß.
Zu wenig Scheu vor Menschen
Zurück in den Harz kamen die Pinselohren 2000, als das Land Niedersachsen zusammen mit der Landesjägerschaft ein Wiederansiedlungsprojekt startete, das in Deutschland bis dato einzigartig war: Statt Wildfänge aus dem Ausland zu beschaffen, entließ man 24 Tiere aus Wildgehegen in die Freiheit. Doch einige Tiere konnten mit ihrem neuen Leben in der Wildnis nicht viel anfangen: Sie hatten zu wenig Scheu vor den Menschen.
„Diese Tiere haben wir wieder eingefangen und in Wildgehege zurückgebracht”, erklärt Anders, während er seinen Geländewagen über einen Waldweg bergauf steuert. Mit den moosbewachsenen Bäumen und plätschernden Bächlein scheint die Szenerie einem Märchen entsprungen. Weiter oben am Berg herrscht dagegen Kahlschlag: Hier hat der Borkenkäfer der Fichtenmonokultur stark zugesetzt.
Hauptaufgaben von Anders sind Feldforschung und Telemetrie: Er will herausfinden, wo die Luchse sind und was sie machen. Das ist keine leichte Aufgabe, denn Luchse sind Einzelgänger. Ein erwachsenes Tier steckt sein Gebiet mit Duftmarken ab. Dieses Revier kann sich zwar mit dem eines potenziellen Paarungspartners überschneiden, nicht aber mit dem eines Geschlechtsgenossen. Ein Revier kann Hunderte von Quadratkilometern groß sein – je knapper die Nahrung, desto größer der Platzbedarf. Über die Telemetrie kann Anders die Streifgebietsgrößen abschätzen, ob sich die Tiere anschicken, den Harz zu verlassen, oder ob eine Luchsin Junge bekommen hat.
Nun parkt er den Wagen am Wegrand und holt eine Richtantenne aus dem Kofferraum. Er hält die Antenne hoch und wartet, bis sich ein regelmäßiges „Tock, Tock, Tock” zwischen dem Rauschen einstellt. Dann dreht er sich in die Richtung, aus der das stärkste Signal kommt. Mithilfe eines Kompasses trägt er die Richtung anschließend in eine Karte ein.
Das „Tock, Tock, Tock” ist ein Funksignal aus dem Halsband einer Luchsin, die sich mit ihren Jungen ein paar Kilometer entfernt aufhält. Wo genau, kann Anders noch nicht sagen – dazu sind zwei weitere Ortungen nötig, mit denen er anschließend eine Triangulation durchführen kann. Dabei bestimmt er von mehreren verschiedenen Standpunkten aus die Richtung, aus der das Funksignal kommt. Zeichnet er anschließend diese Richtungen als Linien in seine Landkarte ein, ergibt sich im Idealfall ein Punkt, in dem sich diese Linien kreuzen: Dort ist der Ursprung des Funksignals. Also packt Anders den Empfänger wieder ins Auto, steigt ein und fährt ein paar Kilometer weiter, wo sich das Spiel wiederholt.
Eine SMS vom Luchs
„Da irgendwo ist das Weibchen”, sagt Anders schließlich, zeichnet einen Strich in die Landkarte und zeigt in den Wald. „ Früher konnten wir Luchse nur so orten”, erklärt er. „Da hat man für eine Ortsbestimmung schon einmal einen ganzen Tag gebraucht.” Inzwischen dienen das Funksignal, die Karte und der Kompass eher zur Übung für Praktikanten aus der Wildtierökologie und zu Demonstrationszwecken für neugierige Journalisten. Will der Forstingenieur wissen, wo die Luchse sind, braucht er nur auf eine SMS von ihnen zu warten.
Derzeit sind rund ein halbes Dutzend Tiere im Harz mit GPS-Halsbändern ausgestattet. Per SMS liefern diese zweimal täglich die aktuelle Position der Tiere: mittags, wenn sich die Luchse im Tageslager ausruhen, und um Mitternacht, wenn sie aktiv sind. Sicherheitshalber haben die GPS-Halsbänder einen zusätzlichen Funksender, der eine Kreuzpeilung ermöglicht. Das kann manchmal sehr nützlich sein.
„Bei einem Weibchen hatte das GPS-Halsband einen Totalausfall” , berichtet Anders. „In der Hoffnung, dass wenigstens der Funksender noch funktionieren würde, haben wir das Gebiet, aus dem das letzte Signal kam, mit einem Flugzeug überflogen. Tatsächlich konnten wir die Luchsin gleich orten. Am Ortungspunkt, wo wir einen frischen Rehriss fanden, stellten wir eine Falle auf. Damit konnten wir sie fangen – und neu besendern.”
Das ist viel Aufwand für ein Tier, dessen Rückkehr in deutsche Wälder nicht nur Begeisterungsstürme ausgelöst hat. Die Harzer Luchse zählen zu den Eurasischen Luchsen (Lynx lynx) – und deren Bestand stuft die Weltnaturschutzunion IUCN als stabil ein. Jahrzehntelang kam der deutsche Wald gut ohne den Luchs zurecht. Passt die Großkatze überhaupt noch in die heutige Kulturlandschaft, mit ihren bewirtschafteten Wäldern, Pilzsuchern und zerschnittenen Landschaften?
Der Umweltwissenschaftler Eick von Ruschkowski hat an der Leibniz Universität Hannover eine Online-Befragung durchgeführt, an der über 1700 Menschen aus ganz Deutschland teilnahmen, vorwiegend aus dem Harz und Niedersachsen. Die Umfrage lieferte einen Einblick in die Einstellungen zum Luchs im Harz: „82 Prozent empfinden seine Rückkehr als positiv”, berichtet von Ruschkowski. „Seine Anwesenheit bereitet ihnen weniger Probleme als die des Wolfs. Der hat einen schlechteren Ruf”, interpretiert er das Ergebnis. „Außerdem lebt der Luchs noch versteckter als der Wolf. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen der jagenden und der nichtjagenden Bevölkerung. Doch auch die Einstellung der Jäger ist insgesamt positiv.”
Jäger gehören zu den wenigen Menschen, die unmittelbar von der Präsenz der Pinselohren betroffen sind, da sie mit ihnen um Rehe konkurrieren. „Wenn es mancherorts weniger Rehe gibt und sie schwieriger zu bejagen sind, ist der Luchs nicht ganz unschuldig” , räumt Ole Anders ein.
Laut Schätzungen frisst ein männlicher Luchs, ein Kuder, etwa 80 Rehe pro Jahr, während es eine Luchsin mit Jungtieren auf etwa 100 Rehe bringt. Zwar kann das Revier eines Luchses das von zwei Dutzend Jägern umfassen – aber das Wild ist scheuer, wenn es einen Feind in der Nähe weiß. Doch die Auswirkungen des Luchses auf das Ökosystem sind kaum erfassbar. „Wir können den Bestand an Rehen nicht wirklich zählen”, erklärt Anders. Beim Luchszählen helfen die Fotofallen: „Die einzelnen Individuen lassen sich anhand ihres Fleckenmusters erkennen.”
Einige Hinweise könnte ein Artikel liefern, den amerikanische Forscher im Januar 2014 im Fachmagazin „Science” veröffentlichten. Darin beschrieben sie, wie die Raubtiere ihr Ökosystem verändern. Die Autoren stellten fest, dass nach der Anwesenheit von Luchsen in Finnland die Reh- und Fuchspopulation abnahm. Das wiederum führte zu einer wachsenden Population von Birkhühnern, Auerhühnern und Schneehasen. Und weil weniger Rehe da waren, gab es weniger Verbissschäden am Wald.
Für die Jäger ist vor allem die niedrigere Rehpopulation ein Ärgernis. Nach deutschem Recht ist Wild herrenlos. Erst in dem Moment, in dem ein Jäger ein Reh erlegt, hat er ein Aneignungsrecht. Er erhält daher keine Kompensation, sollte ein Luchs ihm „seine” Rehe wegfressen. Viehzüchter sind hier besser dran: Ihnen werden vom Luchs gerissene Tiere finanziell ersetzt. „ Wir haben jährlich etwa 1000 Euro Kompensationssumme”, sagt Anders. „Der Betrag ist so gering, dass er wirtschaftlich keine Rolle spielt.”
Gefahr für Wildschafe
Ein haariger Vierbeiner aus dem Mittelmeerraum hat allerdings ein Problem. „Im Harz wurde vor rund 100 Jahren der Mufflon angesiedelt”, berichtet Anders. „Die Tierart wurde zur Bejagung eingeführt. Und da geht der Luchs wirklich massiv dazwischen” – vor allem im östlichen Harz, der zu Sachsen-Anhalt gehört. Das Problem: Die Wildschafe können sich nicht an den Luchs gewöhnen, da sie ihn aus ihrem natürlichen Lebensraum, etwa Elba, Zypern oder Sardinien, nicht kennen. „In den 13 Jahren, in denen der Luchs hier lebt, hat er den Mufflon zwar noch nicht ausgerottet”, sagt Anders. „Aber ich kann nicht garantieren, dass das Wildschaf auch die nächsten 20, 30 Jahre überleben wird.”
Trotzdem arrangieren sich Mensch und Luchs im Harz recht gut. Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass dort gewildert wird. Damit steht die Population vergleichsweise gut da: Alle anderen Luchse in Mitteleuropa haben mit Wilderei zu kämpfen. Die Population in den ostfranzösischen Vogesen ist vom Aussterben bedroht, und im Bayerischen Wald, wo es seit rund 30 Jahren Luchse gibt, hat ein Spaziergänger im Mai 2013 eine trächtige Luchsin tot aufgefunden. Ein Wilderer hatte sie mit einem Schrotgewehr erschossen. Ein Jahr zuvor wurde im Bayerischen Wald eine Luchsin mit Nervengift getötet.
Inzwischen hat Ole Anders den Geländewagen vor dem Haus der Natur in Bad Harzburg abgestellt, das eine Walderlebnisausstellung beherbergt. In einem der Büros fährt er einen Computer hoch und startet ein Programm, das die GPS-Signale der besenderten Luchse auf einer Landkarte anzeigt. F1, M4, F2 „ heißen” die Tiere – F steht für Weibchen, M für Männchen. Richtige Namen gibt Projektleiter Anders ihnen nicht: „Wir bemühen uns, Kuscheltierromantik aus der Arbeit herauszuhalten.”
Es wird eng im Harz
Die GPS-Signalpunkte auf dem Bildschirm sollen Hinweise auf die Zukunft der Harzer Luchse geben. Denn 13 Jahre nach dem Start des Projekts ist der Harz voll besiedelt. Wenn sich die Jungtiere nach knapp einem Jahr bei „Muttern” auf die Suche nach einem eigenen Revier machen, haben sie ein Platzproblem.
Das trifft auch auf das einjährige Weibchen zu, das Anders und seine Kollegen per Flugzeug geortet haben. „Es wird überall verprügelt. Das konnten wir an Verletzungen im Pelz erkennen”, erklärt Anders. „Die Territorien sind einfach schon verteilt.” Deshalb sind die GPS- Daten dieses Weibchens besonders wichtig: Sie sollen zeigen, ob das halbwüchsige Tier den Harz verlässt.
Langfristig hängt das Überleben der gesamten Population von erfolgreichen Auswanderern ab. Im Moment bildet sie als Inselpopulation mit einigen Dutzend Tieren einen isolierten Fleck auf der ansonsten luchsfreien Landkarte. Die nächsten Luchse leben im Bayerischen Wald, rund 400 Kilometer entfernt. Und zu den Vogesen geht es quer durch dicht besiedeltes Land. Schaffen die Luchse es nicht, sich auszubreiten, drohen Inzucht und Aussterben.
„Unsere Population zeigt eine deutliche Expansionstendenz”, freut sich Anders. „Jetzt stellt sich die Frage, ob der Luchs es schafft, auch auf landwirtschaftlich genutztem Gebiet zu überleben, ein Territorium zu entwickeln und Jungtiere großzuziehen.” Wenn ja, wäre das der Beweis: Der Luchs kann in weiten Teilen Deutschlands leben.
Wollen die Luchse neue Gegenden erobern, müssen sie erst einmal raus aus dem heimatlichen Wald. Doch Barrieren wie Autobahnen versperren ihnen den Weg. Das wird am Beispiel eines Weibchens deutlich, das derzeit auf Wanderschaft ist: Sie hat schon zwei Anläufe genommen, den Harz zu verlassen. Einmal hat sie es bis zur nächsten Autobahn geschafft, zur A7. Anders deutet auf den Punkt. „Da stand sie in Sichtweite zur Autobahn. Und dann ist sie wieder umgedreht und in den Harz zurück.”
Bislang haben nur Kuder nachweislich den Harz verlassen und sich vor allem westlich ihrer Heimat neu angesiedelt. „Dort haben wir Fotonachweise und sogar einen besenderten Luchs.” Die Jungweibchen hingegen sind zögerlich: Sie versuchen, im Harz zu bleiben und sich in den Revieren anderer Luchse durchzuschlagen. Anders schildert das Problem: „Luchse sind in ihrem Ausbreitungsver- halten recht konservativ. Wölfe sind da anders: Die laufen auch mal 1000 Kilometer in eine Richtung, egal, was ihnen im Weg ist.”
Der langfristige Erfolg hängt also davon ab, ob die Luchse es schaffen, ihren Wald für längere Zeit zu verlassen, um sich ein Revier außerhalb ihrer Heimat zu suchen – keine leichte Aufgabe in einem Land, das von Straßen zerschnitten ist. Allerdings gibt es genügend bewaldete Mittelgebirgszüge, die als Trittsteine dienen können.
Ausschlaggebend wird sein, ob der Mensch bereit ist, zu teilen. Die Frage lautet nicht, ob wir den Luchs brauchen, sondern ob wir ihn wollen. Der gute Wille ist da: Im Pfälzerwald ist eine Auswilderung von 20 Luchsen geplant, die bereits 2014 starten könnte. Ole Anders sagt: „Im Moment sind wir recht hoffnungsfroh.” •
Wissenschaftsjournalistin FRANZISKA KONITZER drückt den Luchsen für ihre Zukunft in Deutschland die Daumen. David Klammer hat für seine Fotos schon viele Preise erhalten – darunter 2012 den „deutschen preis für wissenschaftsfotografie”.
Text von Franziska Konitzer, Fotos von David Klammer





