Die Idee ist nicht neu: Antikörper, beladen mit einer radioaktiven Substanz, steuern gezielt Krebszellen an, um diese durch Strahlung aus nächster Nähe abzutöten. Doch zwanzig Jahre Forschung und Entwicklung waren nötig, bis es David Scheinberg und seinen Mitarbeitern gelang, diese Idee in die Praxis umzusetzen. Im Fachblatt Science stellen die Wissenschaftler des Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York ihren “Nanogenerator” vor ? ein Antikörper, der radioaktives Actinium in Tumorzellen einschleust.
Die Forscher koppelten ein Isotop des Elements Actinium (Ac-225) an Antikörpermoleküle, die spezifisch an Krebszellen binden und dann in das Zellinnere transportiert werden. Dort zerfällt das Actinium unter Abgabe schädlicher radioaktiver Strahlung (energiereiche Alphateilchen). Die drei dabei entstehenden Zerfallsprodukte sind ebenfalls Alphastrahler und zerstören durch weiteren Beschuss Moleküle und Strukturen der Krebszelle. Da die Reichweite der Alphastrahlung sehr gering ist, wird benachbartes gesundes Gewebe nicht geschädigt. Das verwendete Actinium ist hochwirksam. “Ein Atom tötet eine Zelle”, sagt Scheinberg. Daher wäre für eine Behandlung eine sehr geringe Mengen an Radioaktivität ausreichend. “Die Dosis wird wahrscheinlich so gering sein, dass die Injektionen im Sprechzimmer des Arztes verabreicht werden könnten.”
Durch Einsatz unterschiedlicher Antikörper konnten die Wissenschaftler inzwischen verschiedene Typen menschlicher Krebszellen in Labortests abtöten. Bei Mäusen ist es gelungen, mit einer einmaligen Behandlung Prostatatumoren und Lymphome zu verkleinern und die Überlebenszeit der Tiere um einige Monate zu verlängern. Nächstes Jahr sollen die ersten Versuche mit Leukämiepatienten beginnen.
Actinium ist ein sehr seltenes chemisches Element. Alle Isotope sind radioaktiv. Ac-225 hat eine Halbwertszeit von zehn Tagen. Es entsteht als Abfallprodukt in kerntechnischen Anlagen, so dass für die medizinische Verwendung keine Herstellungskosten anfallen.
Joachim Czichos





