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Raben merken sich Jagdgebiete von Wölfen
Erde & Umwelt

Raben merken sich Jagdgebiete von Wölfen

Wenn Wölfe Beute reißen, dauert es meist nicht lange, bis Raben auftauchen. Oft sind die Vögel schon in der Nähe und warten darauf, etwas von den Fleischresten abzukriegen. Lange schien die Erklärung dafür simpel: Raben folgen den Wölfen und finden so zu den Kadavern. Doch ob das wirklich so ist, war bislang kaum…
Autor
Carolin Malmendier
16. März 2026
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt

Raben gehören zu den intelligentesten Vögeln überhaupt. Sie können sich Orte mit verlässlichen Nahrungsquellen merken, komplexe Probleme lösen und über große Entfernungen gezielt bestimmte Plätze anfliegen. Besonders im Winter nutzen sie häufig die Beutereste großer Raubtiere wie Wölfe, um an Nahrung in Form von Aas zu gelangen.

Rabe mit Sender
Dieser Rabe wurde vom Forschungsteam mit einem GPS-Rucksack ausgestattet, der hier an der Antenne zu erkennen ist. © Matthias Loretto

Raben und Wölfe per GPS verfolgt

Doch wie genau gehen die Raben dabei vor? Dieser Frage haben sich Matthias-Claudio Loretto von der Veterinärmedizinischen Universität Wien und seine Kollegen angenommen. In ihrer Studie untersuchten sie im Yellowstone-Nationalpark in den USA das Verhalten von 69 Raben und 20 Wölfen über zweieinhalb Jahre hinweg.. Der Nationalpark eignete sich besonders gut, weil dort Wölfe seit Mitte der 1990er Jahre wiederangesiedelt sind. Die Analyse konzentrierte sich auf den Winter, wenn Raben besonders häufig mit Wölfen in Kontakt kommen. Zusätzlich berücksichtigte das Team Daten darüber, wann und wo Wölfe Beute erlegten – vor allem Wapitis, Bisons und Maultierhirsche.

Die Wölfe wurden mithilfe von GPS-Halsbändern überwacht, die jedes Jahr etwa einem Viertel der Wolfspopulation angelegt werden. Auch die Raben wurden beobachtet. Das Team stattete sie mit winzigen GPS-Sendern aus. Die Sender zeichneten die Positionen der Raben in Abständen von bis zu 30 Minuten auf, die der Wölfe bis zu einmal pro Stunde. Das Einfangen der Vögel war allerdings nicht einfach. „Raben beobachten die Landschaft so aufmerksam, dass sie nicht so leicht in Fallen tappen“, erklärt Loretto. So mussten Fallen in der Nähe von Campingplätzen beispielsweise mit Müll und Fast-Food-Resten getarnt werden. „Sonst hätten die Raben etwas bemerkt und wären nicht nähergekommen“, sagt er.

Wie finden Raben die Wolfsrisse?

Ziel des Projekts war es, eine bisher ungeprüfte Annahme zu testen. „Wir gingen alle davon aus, dass die Raben eine sehr einfache Regel hatten: einfach in der Nähe der Wölfe bleiben“, sagt Co-Autor Dan Stahler vom Yellowstone-Nationalpark. „Wir wussten nicht, wozu Raben fähig sind, weil sie bisher nie ins Zentrum dieser Forschung gestellt wurden; niemand hatte die Perspektive der Raben eingenommen“, sagt er. Doch entgegen den Erwartungen fanden die Forschenden im Verlauf der zweieinhalbjährigen Studie nur einen eindeutigen Fall, in dem ein Rabe einem Wolf mehr als einen Kilometer weit und über eine Stunde lang folgte.

Doch wie schafften es die Vögel dann, so schnell an den Beuterissen der Wölfe aufzutauchen? „Zunächst waren wir ehrlich gesagt ratlos“, sagt Loretto. „Als wir feststellten, dass Raben Wölfen nicht über lange Strecken folgen, konnten wir lange nicht erklären, wie sie trotzdem so schnell an Wolfsrissen auftauchen.“

(Video: Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie)

Raben merken sich Wolfs-Jagdgebiete

Nach einer detaillierten Analyse der Daten kamen die Forschende zu einer neuen Erkenntnis: Anstatt den vierbeinigen Raubtieren über lange Strecken zu folgen, kehrten die Raben wiederholt in bestimmte Gebiete zurück, in denen Wölfe zuvor häufig Beute gemacht hatten. Wolfsrisse häufen sich im Studiengebiet in Bereichen mit bestimmten Landschaftsmerkmalen, etwa flachen Talsohlen, in denen Wölfe erfolgreicher jagen, wie das Team berichtet. Raben suchten diese Gebiete deutlich häufiger auf als solche, in denen solche Risse selten waren.

Nach Ansicht von Loretto und seinen Kollegen deutet dies darauf hin, dass Raben die von Wölfen geschaffene langfristige „Ressourcenlandschaft“ lernen und sich daran erinnern. Dafür legten einige Raben an einem einzigen Tag bis zu 155 Kilometer zurück und flogen dabei auf geradlinigen Routen zu Gebieten, in denen die Chancen hoch waren, einen Kadaver zu finden – obwohl Zeitpunkt und genauer Ort eines Wolfsrisses im Einzelfall nicht vorhersehbar sind.

Neue Einblicke in die Nahrungssuche von Aasfressern

„Wir wussten bereits, dass Raben sich stabile Nahrungsquellen wie Mülldeponien merken können“, sagt Loretto. „Was uns überrascht hat, ist, dass sie offenbar auch lernen, in welchen Gebieten Wolfsrisse häufiger vorkommen. Ein einzelner Riss ist unvorhersehbar, aber im Laufe der Zeit sind einige Teile der Landschaft ergiebiger als andere – und Raben scheinen dieses Muster zu ihrem Vorteil zu nutzen.“

Ganz ausschließen lässt sich allerdings nicht, dass Raben die Wölfe über kurze Strecken doch verfolgen. Wen sie in der Nähe sind, könnten sie auch Hinweise wie das Verhalten der Wölfe oder deren Geheul nutzen, um frische Beute zu finden. Über größere Distanzen scheint jedoch vor allem das Gedächtnis der Raben entscheidend zu sein: Die Vögel merken sich Gebiete, in denen Wölfe häufig erfolgreich jagen, und suchen dort gezielt nach Nahrung. Die Ergebnisse legen nahe, dass räumliches Gedächtnis bei Aasfressern wichtiger ist als lange gedacht – möglicherweise auch bei anderen Tierarten, die große Gebiete durchstreifen und nach Nahrungsquellen suchen.

Quelle: Veterinärmedizinische Universität Wien / Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie; Fachartikel: Science, doi: 10.1126/science.adz9467

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