Havermans leitet als Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven eine Arbeitsgruppe, die sich ganz der Biologie der Quallen widmet, vor allem der arktischen Quallen. Alle paar Monate ist sie mit einem Schiff im Norden unterwegs oder zu Gast in der internationalen Forschungsstation in Ny-Ålesund. „Quallen sind bis heute kaum erforscht, besonders die arktischen Arten. Es gibt so viel Unbekanntes zu entdecken – immer wieder auch neue Arten. Und das macht die Arbeit so spannend.“ Der fundamentale Mangel an Wissen, so Havermans, habe dazu geführt, dass Quallen heute ein ausgesprochen schlechtes Image haben. Und zwar nicht nur bei Sommerurlaubern, die sich ärgern, wenn ihnen Feuerquallen den Badespaß verderben, sondern auch bei Fischern und Wissenschaftlern. Manchmal vermehren sich Quallen massenhaft. Die Wurzelmundquallen zum Beispiel, die einem Blumenkohl mit Hut ähneln, bilden riesige Schwärme, die viele Schwimmbäder füllen würden. Einen halben Zentner kann eine Wurzelmundqualle wiegen. Fischer fluchen, wenn ein solcher Schwarm ins Fanggeschirr treibt und das Netz zerreißt.
Quallen sind ein zentraler Bestandteil der Nahrungsnetze
Viele Meeresbiologen wiederum betrachten Quallen bislang als Sackgasse in den virtuos verwobenen Nahrungsnetzen der Ozeane. Quallen fingen Unmengen von Fischen, Kleinkrebsen oder Mikroalgen aus dem Wasser, seien aber selbst zu nichts nütze, weil kaum ein Meerestier Quallen fresse, heißt es immer wieder. Vor etwa 20 Jahren warnten die ersten Meeresbiologen vor der Ära der Quallen. Durch die Überfischung der Meere gingen die Konkurrenten der Quallen verloren, schrieben die Forscher: Verschwänden jene Fischarten, die sich von kleineren Fischen, Kleinkrebsen oder Mikroalgen ernährten, bliebe mehr Futter für die Quallen übrig. Die könnten sich dann stark vermehren. Nicht zuletzt seien Quallen Profiteure des Klimawandels. Anders als Fische, kämen sie sehr gut in wärmeren, sauerstoffarmen oder saureren Meeren zurecht. „Qualle“ heißt auf Englisch „jellyfish“. Und so beschworen Forscher den „Rise of the jelly“ herauf, den „Aufstieg des Gelees“. Die Zukunft der Ozeane schien düster: Meere ohne Fisch, in denen sich der Glibber breitmacht.
Doch es scheint, als hätte man den Quallen unrecht getan. Aktuelle Forschungsergebnisse von Charlotte Havermans und anderen Quallenexperten weltweit zeigen, dass die Biologie der Tiere weitaus komplexer ist als angenommen. Quallen sind keinesfalls Nichtsnutze der Nahrungsnetze. Sie sind ein zentraler und wichtiger Bestandteil. Sie fressen Plankton, Krebse und Fische, dienen aber auch ihrerseits vielen Meeresorganismen als Nahrung. Der riesige, mehrere Hundert Kilo schwere Mondfisch zum Beispiel frisst Quallen besonders gern. „Fische, Krebse und andere Meerestiere kann man mit Netzen fangen und anschließend bestimmen“, sagt Havermans. „Viele Quallen aber werden dabei zerstört und enden als undefinierbare Masse. Kein Wunder, dass man sie lange kaum beachtet hat – und dass noch so wenig über sie bekannt ist.“ Die Forscherin geht sehr behutsam vor, nutzt sehr feine Netze, um die Tiere aus dem Wasser zu holen. Ganz empfindliche Quallen fängt sie mit Wasserschöpfern ein, um sie anschließend im Aquarium zu beobachten und zu bestimmen. „Wir wissen heute noch viel zu wenig über die Verbreitungsgebiete der Quallen, darüber, wie sich der Nachwuchs entwickelt und was verschiedene Quallenarten eigentlich fressen. Wie wollen wir da Aussagen über die Zukunft machen?“ Die Tiere allgemein als Profiteure des Klimawandels zu betrachten, sei viel zu simpel. Da Quallen lange Zeit für die Fischerei und die Meeresforscher Nebensache waren, sei kaum bekannt, wie groß die Quallenbestände früher eigentlich waren. Damit fehle die Basis, um daran die heutigen Bestände zu messen.






