Neandertaler-DNA auf der Spur
Die Ergebnisse der Wissenschaftler basieren auf Auswertungen der Daten von insgesamt 28.000 Menschen mit europäischer Abstammung. Sie umfassten sowohl genetische als auch detaillierte medizinische Informationen über Gesundheitsprobleme beziehungsweise Erkrankungen der jeweiligen Person. Wissenschaftler nutzen solche Datenbanken bereits, um Verknüpfungen zwischen bestimmten genetischen Merkmalen und gesundheitlichen Risiken aufzudecken. Capra und seine Kollegen haben diese Vorgehensweise nun zusätzlich mit dem Faktor Neandertaler-DNA verknüpft. Konkret: Sie erfassten, welche Neandertaler-typischen Gene eine Person im Erbgut besaß und glichen diese Ergebnisse mit den medizinischen Daten ab. In der Fülle der 28.000 Probanden zeichneten sich dann statistische Auffälligkeiten ab.
“Unsere wichtigste Erkenntnis ist, dass Neandertaler-DNA tatsächlich klinische Merkmale bei modernen Menschen beeinflusst: Wir entdeckten Zusammenhänge zwischen Neandertaler-DNA und einer breiten Palette von Eigenschaften, einschließlich immunologischer, dermatologischer, neurologischer, psychiatrischer und reproduktiver Effekte”, fasst Capra zusammen. Ein deutliches Beispiel ist, dass Neandertaler-DNA die sogenannten Keratinozyten beeinflusst. Diese Zellen schützen die Haut vor Umweltschäden durch UV-Strahlung und Krankheitserreger. Eine bei der Analyse entdeckte Neandertaler-DNA-Variante beeinflusst die Funktion dieser Zellen. Sie scheint das Risiko der Entwicklung sonnenbedingter Hautläsionen zu erhöhen – der sogenannten Keratose. Ein weiteres Beispiel ist eine bestimmte Nandertaler-typische Genvariante, die das Risiko für Nikotinsucht zu erhöhen scheint. Außerdem stießen die Forscher auf Gen-Varianten, welche die Neigung zu Depressionen beeinflussen: Einige können dabei offenbar positiv und einige negativ wirken.
Warum hat sich das kritische Erbe verankert?
Vor dem Hintergrund dieser teils negativ erscheinenden Veranlagungen stellt sich die Frage, warum sie sich bis heute im menschlichen Erbgut verankert haben. Den Forschern zufolge liegt das wahrscheinlich daran, dass die Erbanlagen mehrere Effekte haben, von denen einige einst günstig für unsere Vorfahren waren. Ein plausibles Beispiel dafür sind weitere spezielle Nandertaler-Gene, die die Forscher entdeckt haben: Sie erhöhen die Blutgerinnung. Heutzutage ist das eher problematisch: Durch eine starke Blutgerinnung können Blutgerinnsel entstehen, die zu lebensgefährlichen Infarkten oder Embolien führen können. Die verstärkte Blutgerinnung hat aber auch Vorteile: Wunden verschließen sich schneller und der Körper wird vor Infektionen geschützt. Bei unseren Vorfahren könnte dieser Vorteil wichtiger gewesen sein als die möglichen Nachteile. Sie überwiegen erst bei unserer heutigen Lebensweise. Demzufolge könnte die Neandertaler-typische starke Blutgerinnung einst ein Vorteil gewesen sein und hat sich deshalb im Erbgut festgesetzt. Den Forschern zufolge könnte dieses Prinzip auch für andere genetische Merkmale gelten, die wir unserem Vorfahren zu verdanken haben.





