Alan und Nancy Colchester haben nun eine weitere Hypothese aufgestellt: Der Mensch könnte der ursprüngliche Verursacher des Rinderwahns sein. Nach Ansicht der beiden Wissenschaftler ist der wahrscheinlichste Herkunftsort der Erreger dabei der Subkontinent Indien. In Indien, so ihre These, werden Verstorbene verbrannt und ihre Überreste im heiligen Fluss Ganges verstreut. Tiere, die die menschlichen Überreste mit dem Wasser aufnehmen, hätten sich mit den Creutzfeldt-Jakob-Erregern infizieren können. Wären diese Tiere dann zur Futterproduktion nach Großbritannien exportiert worden waren, hätten sie die ersten BSE-Fälle verursachen können, erklären die Forscher.
Diese Hypothese wird zudem durch die vielen Ähnlichkeiten zwischen der menschlichen Prionenerkrankung und BSE unterstützt, schreiben die Wissenschaftler. Weitere Untersuchungen der für die Herstellung von Tierfutter verwendeten tierischen Nebenprodukte seien jedoch nötig, um diese Vermutung zu bestätigen. Zudem müsse auch nachgeprüft werden, ob die menschliche Creutzfeldt-Jakob-Krankheit überhaupt auf Rinder übertragen werden kann.
Susarla Shankar vom Nationalen Institut für Neurowissenschaften in Bangalore warnt jedoch vor voreilig aufgestellten Theorien über die Ursachen von BSE. In den letzten 37 Jahren seien in Indien nur gerade 85 Fälle der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) aufgetreten. Zudem werden an CJK Verstorbene meistens vergraben oder vollständig verbrannt. Leichenteile würden sich außerdem im Wasser zersetzen und es sei nicht bekannt, ob die Prionen in einem zerstörten Gehirn oder Rückenmark noch vorhanden seien.
Alan Colchester (Universität von Kent), Nancy Colchester (Universität von Edinburgh): The Lancet, Bd. 366, S. 856





