Wenn Paläontologen die Ernährung ausgestorbener Tierarten erforschen wollen, analysieren sie oft, wie Kiefer und Zähne der Fossilien geformt sind. Veränderungen in der Ernährung lassen sich damit allerdings nur auf sehr großen Zeitskalen herausfinden, denn bis sich die Gebissform an eine neue Ernährung angepasst hat, dauert es viele Generationen. Kurzfristigere Informationen kann dagegen die Abnutzung der Zähne geben, wobei beispielsweise winzige Kratzer darauf hindeuten, was das Tier zuletzt gefressen hat.
Größte und älteste Sammlung
Die Anthropologen Keegan Selig und Mary Silcox von der University of Toronto Scarborough in Kanada haben nun eine dritte Methode gewählt: Sie analysierten prähistorische Zähne auf Spuren von Karies. „Karies gibt Aufschluss über wichtige Aspekte des Lebens eines Individuums wie Ernährung und Gesundheit, so dass Muster der Karieshäufigkeit in der Vergangenheit möglicherweise Aufschluss über die Ökologie ausgestorbener Tiere geben können“, schreiben sie. „Da ein erhöhter Zuckergehalt in der Nahrung fast sofort Karies verursacht, kann Zahnkaries ebenfalls als Anhaltspunkt für Veränderungen der Ernährung dienen – schneller als die Gebissform und etwas langfristiger als eine Abnutzungsanalyse. Auf diese Weise füllt die Analyse von Zahnkaries eine Lücke in der Zeitskala, die untersucht werden kann.“
Für ihre Studie analysierten Selig und Silcox die Zähne von 1030 Individuen der frühen Primatenart Microsyops latidens, die während des Eozäns vor rund 54 Millionen Jahren in Nordamerika lebte. Die Zähne wurden während eines fast 50 Jahre langen Feldprojekts im südlichen Bighorn Basin im US-Bundesstaat Wyoming gesammelt und stellen die bislang größte und früheste Sammlung dar, die auf Karies untersucht wurde. Die Zähne stammten aus verschiedenen Sedimentschichten und bilden einen Zeitraum von über 500.000 Jahren im frühen Eozän ab.
Mehr Karies als Zeitgenossen
Da die Zähne aufgrund ihres Alters vollständig dunkel verfärbt waren, konnten die Forscher Karies nicht anhand dunkler Stellen identifizieren, wie es bei jüngeren Proben üblich ist. Stattdessen achteten sie unter anderem auf typisch geformte Löcher in den Zähnen, die sie mit Hilfe von Mikro-Computertomographie sichtbar machten. Das Ergebnis: „In unserer Stichprobe von 1030 Individuen haben wir bei 77 dieser Individuen Karies festgestellt, also bei 7,48 Prozent der Stichprobe“, berichten die Forscher.
Im Vergleich zu anderen ausgestorbenen Primaten ist dieser Kariesanteil sehr hoch. „Unsere Ergebnisse stimmen am ehesten mit den Häufigkeiten überein, die bei heutigen wild lebenden Tamarinen beobachtet wurden, von denen bekannt ist, dass sie viel zuckerhaltige Nahrung wie Früchte und Pflanzensäfte verzehren“, so Selig und Silcox. Eine ähnliche Ernährungsform nehmen sie daher auch für M. latidens an. Als die Forscher Zähne aus unterschiedlichen Sedimentschichten, also aus unterschiedlichen Zeiten, verglichen, stellten sie auffällige Veränderungen im Laufe der Zeit fest: Die ältesten und die jüngsten Zähne waren weniger von Karies betroffen als der Rest der Probe. In einer der mittleren Sedimentschichten waren fünf von 29 Individuen von Karies betroffen, also 17,24 Prozent.





