Nachdem die beiden das Spiel beendet hatten, las der Experimentator dem jeweiligen Kind eine Geschichte vor. Bei einem Teil der Kinder handelte es sich um eine Erzählung, in der Lügner negative Folgen ertragen mussten: Wie bei Pinocchio war die Unwahrheit mit peinlichen Konsequenzen verbunden oder sogar mit dem Tod. Ein anderer Teil der Kinder hörte hingegen eine Geschichte, in der Ehrlichkeit als etwas sehr ehrenhaftes gepriesen wurde. Die Kontroll-Gruppe bildeten wiederum Kinder, die eine Geschichte vorgelesen bekamen, welche gar nichts mit Lügen oder Ehrlichkeit zu tun hatte.
Warnende Botschaften versagen
Nachdem die Kinder ihre jeweilige Geschichte gehört hatten, stellten die Forscher ihnen eine kritische Frage: Hast du vorhin doch nachgeschaut, was es für ein Spielzeug ist, als ich weg war? Bei den Antworten zeigte sich nun der Einfluss der jeweiligen Geschichte: Diejenigen, welche die Erzählungen gehört hatten, die Ehrlichkeit priesen, waren am aufrichtigsten: Sie gaben am häufigsten zu, unerlaubt nachgesehen zu haben. Die Geschichten mit den warnenden Botschaften im Zusammenhang mit Lügen verfehlten ihr Ziel hingegen: Genauso viele Kinder wie aus der Kontrollgruppe verleugneten ihr Fehlverhalten.
Dieses Ergebnis konnten die Forscher zusätzlich noch untermauern: Wenn sie das Ende der Geschichten mit der positiven Botschaft so veränderten, dass der jeweilige Lügner bestraft wurde, schwand der günstige Effekt auf die Ehrlichkeit der Kinder. „Unsere Ergebnisse belegen: Um moralisches Verhalten zu stärken, ist es besser, die positiven Effekte ehrlichen Verhaltens herauszustellen, als vor den negativen Folgen des Lügens zu warnen”, resümiert Lee. Dieses Prinzip könnte auch für andere moralische Verhaltensweisen gelten, vermuten die Forscher. Die Ergebnisse haben offenbar bereits die erzieherischen Strategien einer der beteiligten Forscherinnen beeinflusst. Victoria Talwar von der McGill University sagt: „Die positiven Botschaften scheinen zu funktionieren – das nutze ich jetzt bei meinem Kind.”





