Genossenschaftshaus San Riemo: Platz da! - wissenschaft.de | natur
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Platz da!
Bauen und Wohnen frisst viel Fläche – und damit Energie und Ressourcen. Dass es auch anders geht, zeigen genossenschaftliche Häuser, in denen die Wohnungen je nach Lebensphase wachsen oder schrumpfen. Wie das „San Riemo“ in München. Ein gut organisiertes Miteinander als Alternative zur großen Single-Wohnung oder dem Eigenheim in der Neubausiedlung.
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Text: Michael Brüggemann
Es ist ein Tabu, über das ungern gesprochen wird. Dabei reicht ein Blick in den eigenen Familien- oder Freundeskreis, um das Ausmaß des Problems zu erkennen. Der beste Kumpel: Single, Drei-Zimmer-Wohnung, 87 Quadratmeter Wohnfläche. Das befreundete Paar: Einfamilienhaus, drei Kinder, 190 Quadratmeter. Die Mutter: alleinlebend, Haus auf dem Land, 145 Quadratmeter. Der Autor selbst: 58 Quadratmeter für eine Person.
Die Häuser und Wohnungen in Deutschland werden immer größer. Allein in den vergangenen 30 Jahren ist die Wohnfläche pro Kopf um ein Drittel gewachsen, seit 1965 hat sie sich sogar mehr als verdoppelt – von 22,3 auf 47,7 Quadratmeter. Die Hauptgründe: mehr Wohlstand sowie ein wachsender Anteil an Single-Haushalten. Zwei von fünf Wohnungen werden inzwischen allein bewohnt, ein Drittel zu zweit. Mit zunehmendem Alter wächst zudem die Wohnfläche: Viele bleiben nach dem Auszug der Kinder, dem Tod des Partners oder einer Trennung im eigenen Haus oder in der großen Familienwohnung.
„Unser Wohnflächenverbrauch ist definitiv zu hoch“, sagt Christine Hannemann, die an der Universität Stuttgart den bundesweit einzigen Lehrstuhl für Architektur- und Wohnsoziologie innehat. „Die meisten Menschen leben noch bis ins hohe Alter auf einer viel zu großen Wohnfläche, die sie putzen und instand halten müssen und die ihnen längst zur Last fällt.“
Der ausgedehnte Lebensstil hat Konsequenzen: Während die einen oft einsam, aber großzügig wohnen, fällt es anderen – insbesondere in den Ballungsräumen – immer schwerer, überhaupt noch bezahlbaren Wohnraum zu finden. Mit der Wohnfläche steigt zudem der Energie- und Ressourcenverbrauch. Jeder zusätzliche Quadratmeter muss gebaut, beheizt und möbliert werden, Bau- und Dämmmaterialien müssen hergestellt und transportiert, Wege und Einfahrten geschaffen werden. Etwa 30 Prozent aller CO2-Emissionen in Deutschland gehen auf das Konto von Gebäuden – sei es über die Heizenergie oder den Energieaufwand, den ihr Bau verschlingt. Der Schutt, der beim Abriss entsteht, führt zu gewaltigen Müllbergen. Ein Problem ist auch die Lage der Gebäude: Viele Menschen bauen ein Einfamilienhaus auf dem Land oder am Stadtrand und pendeln mit dem Auto ins Zentrum. Für neue Häuser und Straßen werden bundesweit jeden Tag 52 Hektar Boden versiegelt – das entspricht 73 Fußballfeldern. Die wachsende Zersiedelung zerschneidet Lebensräume für Tiere und Pflanzen, produziert Staus und Abgase. Dennoch werden Einfamilienhäuser durch das Baukindergeld, die Pendlerpauschale und andere Steuervorteile so stark subventioniert wie keine andere Wohnform.
„Wir müssen unseren Wohnstil so verändern, dass er klimaverträglicher wird“, sagt Soziologin Hannemann. Sie wirbt für Wohnmodelle mit gemeinschaftlich genutzten Flächen wie etwa Genossenschaftsprojekte, Mehrgenerationenhäuser und integrative Wohnprojekte, die zum Beispiel Zuwanderer und Ortsansässige zusammenbringen. Gerade in der Schweiz finden sich eine Reihe zukunftsweisender Wohnmodelle, die zeigen, wie ressourcensparendes und bezahlbares Wohnen funktioniert. Genossenschaftliche Projekte wie die Siedlungen „Kalkbreite“ und „Kraftwerk1 Zwicky-Süd“ in Zürich oder das Gemeinschaftshaus „Stadterle“ in Basel kommen pro Kopf mit weniger Wohnfläche aus, fördern das generationenübergreifende Zusammenleben oder verknüpfen geschickt Wohnen und Arbeiten. Mit einer Kommune oder einer Studenten-WG, wie manches Klischee suggeriert, haben diese Wohnprojekte nichts zu tun: Neben dem Austausch in der Gemeinschaft bieten sie immer auch private Rückzugsräume.
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Auch in Deutschland werden gemeinschaftliche Wohnmodelle populärer, trotzdem bilden sie noch eine Nische. „Die Mehrheit denkt bislang nicht über alternative Wohnformen nach oder darüber, die eigene Wohnsituation verschiedenen Lebensphasen anzupassen“, sagt Hannemann.
Gemeinschaftliches Wohnen lohnt sich
Dabei würde sich dies lohnen, wie etwa das preisgekrönte Wohnhaus San Riemo in München-Riem zeigt. Das von den Architekten Florian Summa und Anne Femmer sowie Juliane Greb und Petter Krag entworfene Gebäude wird auch „atmendes Haus“ genannt. Denn ein Teil der Wohnungen kann dank „zuschaltbarer“ Räume schrumpfen oder wachsen und sich so der Lebenssituation der Bewohner anpassen. Das im Oktober 2020 bezogene Gebäude ist das erste realisierte Projekt der Genossenschaft „Kooperative Großstadt“ (Koogro), die mehrheitlich von Architekten gegründet wurde; zwei weitere Wohnprojekte sind in Arbeit. Ihr Ziel: ein anderer, zeitgemäßerer Wohnungsbau.
„Viele Wohnungen werden an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigeplant“, sagt Christian Hadaller vom Vorstand der Koogro. „Den Bauträgern in den Städten fehlt oft der Anreiz, sie werden die Objekte auch so los. Also bauen sie nach Schema F.“ Im San Riemo hingegen wurden die späteren Bewohner früh in die Konzeption der Räume einbezogen, etwa bei den Wohnungsgrößen oder der Lage der Wände. „Wir haben mit den Leuten das entwickelt, was sie brauchen“, sagt Hadaller.
In San Riemo wird anders gewohnt
Was dabei herausgekommen ist, möchte der 42-jährige Architekt gern während eines Rundgangs durch San Riemo zeigen. Los geht’s vor dem Gebäude. „Das Haus soll schon von außen ausdrücken: Hier wird anders gewohnt“, erzählt er und deutet auf die ungewöhnliche Längsfassade aus Wellblech und transparentem Kunststoff. Erst an den durchschimmernden Pflanzen und Vorhängen erkennt man, dass dahinter Wintergärten liegen. Rund 100 Menschen leben in den 27 Wohnungen – viele junge Familien, aber auch Singles, Alleinerziehende, kinderlose Paare und Rentner. Das Angebot reicht vom Ein-Zimmer-Apartment bis zur 205-Quadratmeter-Wohnung für eine zehnköpfige Familie. Einen Teil der Räume hat die Koogro an Sozialprojekte vermietet, darunter eine Stiftung, die Kinder- und Jugendhilfe anbietet.
Unter einem mintgrünen Vordach hindurch betreten wir die Eingangshalle. Die meisten Wohnhäuser haben ein enges, schlichtes Treppenhaus, in dem man sich kurz grüßt und dann froh ist, in der eigenen Wohnung zu verschwinden. Im San Riemo ist das anders. Die 180 Quadratmeter große, vier Meter hohe Halle ist der Dreh- und Angelpunkt des Hauses: Foyer, Cafeteria, Bibliothek, Werkstatt und Treffpunkt in einem. Hier wird Fußball geguckt oder Tischtennis gespielt, finden Versammlungen und Diskussionsrunden statt. An den Fenstern zum Innenhof stehen Sofas, gegenüber lagern Bücher, Skateboards und Spielsachen in einer Regalwand. „Im Winter nutzen die Kinder die Halle oft als Rollbahn“, erzählt Hadaller.
Das gemeinsame Nutzen von Räumen und Dingen schafft Gemeinschaft, spart Ressourcen und ist ein Grundgedanke im San Riemo. Die Bewohner teilen sich eine Gemeinschaftsküche, eine Holzwerkstatt und ein Gästeapartment. In einer Mobilitätszentrale können sie Elektroautos, E-Bikes und Lastenräder leihen, im Dachgarten Kräuter anpflanzen oder Grillfeste feiern. Sogar eine Art „Waschsalon“ gibt es: Rund die Hälfte der Bewohner wäscht ihre Wäsche in Waschmaschinen in der Halle statt in der eigenen Wohnung. Über eine Gemeinschafts-App teilt man sich außerdem Staubsauger, Bohrmaschinen oder Bügelbretter. „Wenn jemand etwas braucht, postet er seinen Wunsch und zehn Minuten später steht der Nachbar mit dem entsprechenden Gerät vor der Tür“, erzählt Hadaller. Auch das Gästeapartment oder das E-Auto kann unkompliziert über die App reserviert werden.
Das Erstaunlichste im San Riemo sind jedoch die Wohnetagen. Neben Wohnungen, die dem herkömmlichen Muster entsprechen, gibt es auch solche, in denen innovative Ideen des Zusammenlebens erprobt werden. Beim „Filialwohnen“ hat zum Beispiel jede Wohnpartei ihre eigene, abschließbare Wohnung, zusätzlich teilen sich drei Haushalte aber einen Gemeinschaftsraum – das sogenannte „Treppenzimmer“, das so heißt, weil es direkt am Treppenhaus liegt. Das Zimmer zu betreten fühlt sich zunächst ungewohnt an. Statt in einer Diele steht man mitten in einem 40 Quadratmeter großen Raum, über den man alle drei Wohnungen erreicht, der aber zugleich als Spielzimmer, Yoga-Raum oder Zusatzwohnzimmer genutzt wird. Neben dem Eingang gibt es eine gemeinsame Garderobe, in einem raumhohen Schrank stapeln sich die Schuhe der Bewohner.
Reem Almannai und Florian Fischer wohnen mit ihren beiden Töchtern in der größten der drei Wohnungen. Das Architektenpaar hat hier sogar sein Büro: Man kann es sowohl über das Treppenzimmer als auch über ihre Wohnung betreten. Während ihre Kinder im Treppenzimmer spielen, zeichnen nebenan zwei Mitarbeiter an Plänen. Um den Schallschutz zu verbessern, hat das Paar eine zweite Tür in den Türrahmen eingebaut. „Wir könnten den Büroraum aber auch vermieten oder in einen Wohnraum umwandeln“, sagt Almannai.
Ein Raum mehr für die Nachbarin
Dass dies so einfach möglich ist, verdanken die Bewohner einer weiteren Besonderheit von San Riemo. Die meisten Wohnräume – egal ob Arbeits-, Schlaf- oder Kinderzimmer – sind gleich groß: 14 Quadratmeter. Diese Gleichförmigkeit erlaubt Vielfalt. Denn wo es keine Raumhierarchie gibt, sind Räume weniger festgelegt und können individuell genutzt werden – sogar über die Grenzen der eigenen Wohnung hinweg.
Wie das funktioniert, demonstriert das Architektenpaar in seinem Wohn- und Esszimmer. „Wir haben vor kurzem einen Raum an unsere Nachbarin abgegeben“, erklärt Florian Fischer und hebt eine schwere, weiß lackierte Holzplatte zur Seite. Dahinter kommt eine Tür zum Vorschein. „Durch die Platte ist der Schallschutz ähnlich gut wie bei einer herkömmlichen Wohnungstrennwand.“ Möchte die Familie ihre Wohnung wieder vergrößern, kann sie die Platte innerhalb von zwei Minuten entfernen.
Elf solcher „Schalträume“ gibt es im Haus, die sich je nach Lebenssituation ihrer Bewohner flexibel der einen oder anderen Wohnung zuschalten lassen. Damit der Zimmertausch aufgeht, braucht es natürlich immer zwei: eine Partei, die den Raum abgeben will, und eine, die ihn benötigt. Ob das Wohnexperiment gelingt, muss sich langfristig zeigen. „Wir sind ein forschendes Projekt“, sagt Fischer. Noch sei nicht alles perfekt, aber er sieht in der Idee großes Potenzial: „Wenn die Kinder ausziehen, kann man seine Wohnung auf einen Kern aus Küche, Bad, Wohn- und Schlafraum reduzieren. Eine solche Flexibilität erlauben konventionelle Wohnungen nicht. Sie sind irgendwann im Laufe des Lebens entweder zu groß oder zu klein.“
Nachbarin Tanja Seiner, 41, ist begeistert von so viel Flexibilität. Sie wohnt seit Anfang an im San Riemo – vor einiger Zeit zog ihr Freund nach. Möglich wurde das durch den zusätzlichen Raum, den Almannai und Fischer abgetreten haben. In ihrer alten, konventionellen Wohnung wäre es zu zweit zu eng geworden. Dort zahlte sie etwa 15 Euro pro Quadratmeter, im San Riemo ist die Kaltmiete auf 10,20 Euro gedeckelt. Doch sie profitiert von weit mehr als der günstigen Miete: „Der Mehrwert durch die gemeinschaftlich nutzbaren Räume ist unbezahlbar. So einen Luxus kann eine herkömmliche Wohnung nicht bieten.“
Dank der vielen Gemeinschaftsflächen bekomme man automatisch Kontakt zur Nachbarschaft, sagt Seiner. „Du wirst aus deiner Blase rausgerissen. Als Single oder Paar hat man ja sonst vor allem Kontakt zu Gleichaltrigen. Hier trifft man auch andere Generationen.“ Im Treppenzimmer etwa sei immer was los, Konflikte wegen Lärm gab es trotzdem noch nie. „Klar, es kann schon mal laut werden, wenn die Kinder dort toben. Aber das klären wir dann im Gespräch. Durch die räumliche Nähe trainiert man, wertschätzend zu kommunizieren.“
Räumliche Veränderung, leicht gemacht
Um den Geräuschpegel aus dem Treppenzimmer in Richtung Restwohnung zu dämpfen, wurden die Türen mit einer Zusatzdichtung versehen. „Wir mussten mehr in die Planung des Schall- und Brandschutzes sowie der Grundrisse investieren“, sagt Christian Hadaller. Trotzdem sei das unter dem Strich einfacher, als später Wände versetzen oder verstärken zu müssen: „Dann haben Sie Staub, Lärm, Handwerker.“ Ein Umbau oder Umzug bedeute in der Regel eine Menge Arbeit – und hohe Kosten. „Das führt dazu, dass viele Menschen nicht umziehen oder ihr Haus umbauen, um den eigenen Wohnraum zu verkleinern“, sagt Hadaller. „Im San Riemo ist die Hürde, sich räumlich zu verändern, niedriger, der bauliche Aufwand geringer. Wir können das selbst und mit einfachen Bordmitteln lösen.“ Außerdem kenne man, wenn man dann in seinem „neuen“, größeren oder kleineren Zuhause wohne, seine Nachbarn schon und muss sich nicht erst an ein neues Wohnumfeld gewöhnen.
Nichts sei teurer als ungenutzter Wohnraum, sagt Hadaller. Im San Riemo liegt der Flächenverbrauch dank der gemeinschaftlich genutzten Räume bei 29 Quadratmetern pro Kopf – etwa 40 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Die Schalträume sollen gewährleisten, dass die Bewohner auf Dauer im Haus wohnen bleiben, idealerweise ein Leben lang.
Die Chancen dafür stehen gut. „Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wieder in einer normalen Wohnung zu wohnen. Da würde mir viel abgehen“, sagt Tanja Seiner. Vor einiger Zeit hat sie im Treppenzimmer ihren Geburtstag gefeiert. Die Nachbarn waren auch eingeladen.
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