Wenn Landwirte im Grünland mit ihren Mähmaschinen durch das hohe Gras fahren, beginnt für zahllose Insekten ein Wettlauf ums Überleben. Schaffen sie es nicht rechtzeitig aus der Gefahrenzone, erfasst und tötet sie das Mähwerk. Millionen Insekten und andere Arthropoden sterben so jedes Jahr bei der sogenannten Grünlandmahd, darunter Zikaden, Fliegen, kleine Wespen, Spinnen und andere wirbellose Tiere. Dieser Verlust bedeutet für die ohnehin immer spärlicher werdenden Insektenbestände in unseren Landschaften einen zusätzlichen Verlust.
Verscheuchen, was man retten will
Wie sich solche Verluste verringern lassen, untersucht ein Forschungsteam um Johannes Steidle von der Universität Hohenheim schon seit einigen Jahren auf ihren Versuchsfeldern. „Wir haben bereits in zahlreichen Versuchen im Vorgängerprojekt ‚InsectMow‘ festgestellt, dass sich am Mähwerk selbst nur wenig zum Positiven verändern lässt“, erklärt Steidle. „Deshalb verfolgen wir einen anderen Ansatz: Wir versuchen, die Insekten zu retten, indem wir sie unmittelbar vor dem Mähwerk wegscheuchen.“
Die Forschenden testen dafür zwei unterschiedliche Systeme: die Bügelscheuche und die Gebläsescheuche. Bei der Bügelscheuche fahren Metallzinken vor dem Mähwerk durch den Grasbestand, wodurch die Tiere rechtzeitig wegspringen, wegfliegen oder sich auf den Boden fallen lassen können. Die Gebläsescheuche arbeitet dagegen mit Luft: Ein Gebläse, das quer vor dem Mähwerk montiert ist, soll die Insekten aus der Gefahrenzone pusten.

Die Universität Hohenheim hat spezielle Scheuchen entwickelt, die Insekten vor Mähmaschinen schützen sollen. — © Universität Hohenheim/ Frank Roller (unger+)
Gebläsescheuche könnte viele Insekten retten
Für ihre Tests mähten Steidle und sein Team jeweils eine Fläche mit einer der beiden Techniken. Nach dem Mähen fingen sie die verbliebenen Insekten, indem sie einen ein Quadratmeter großen Gazewürfel auf die Fläche stellten und diesen mit einem umgebauten Laubbläser leersaugten. Zusätzliche Netze über und neben dem Mähwerk fingen Tiere auf, die über das Mähwerk flüchten oder zur Seite wegspringen. Anschließend bestimmten und zählten die Forschenden die tierische Ausbeute. So konnten sie vergleichen, wie viele Tiere nach der Mahd ohne Scheuche, mit Bügelscheuche oder mit Gebläsescheuche auf der Fläche verbleiben und wie viele die Systeme aus dem Gefahrenbereich vertreiben.
Erste Ergebnisse zeigen, dass vor allem die Gebläsescheuche viele Insekten erfolgreich verscheuchen kann. „Es sieht so aus, als würde die Gebläsescheuche bereits erhebliche Anteile der Insekten seitlich aus dem Gefahrenbereich befördern“, sagt Steidle. „Ob sich dieser Eindruck bestätigt, wissen wir aber erst genau nach einer detaillierten Auswertung.“
Klein, aber für das Ökosystem unverzichtbar
Die Untersuchungen zeigen außerdem, wie vielfältig das Leben im Grünland ist. Auf einem einzigen Quadratmeter finden sich häufig mehrere Hundert Zikaden, Fliegen, Mücken oder parasitische Wespen. In einzelnen Proben wiesen die Forschenden sogar mehr als 1.000 Zikaden auf einem Quadratmeter nach. „Diese kleinen Arten kennt kaum jemand. Trotzdem sind sie unverzichtbar für das Ökosystem. Jede Art ist wie ein kleines Zahnrad, das zum Funktionieren des gesamten Systems beiträgt“, erläutert Steidle.
Langfristig könnten solche Insektenscheuchen zum Standard bei der Grünlandmahd werden. Dabei geht es um mehr als das Überleben der Insekten: „Insekten stehen am Beginn der Nahrungskette vieler Tiere“, erklärt Steidle. „Das aktuelle Insektensterben führt unmittelbar dazu, dass zum Beispiel Vögel, Amphibien oder Fledermäuse keine Nahrung mehr finden.“ Die Forschenden sehen Anwendungen ihrer Methoden zunächst vor allem im
ökologischen Landbau. Perspektivisch könnten die Systeme jedoch in der gesamten Landwirtschaft zum Einsatz kommen.
Quelle: Universität Hohenheim. Projekt: INSOEL - Insektenscheuchen für den ökologischen Landbau.





