Jetzt auch bei Schlangen
“Einige der tödlichsten Tierseuchen, darunter das Weißnasen-Syndrom bei Fledermäusen und die Chytridiomykose bei Amphibien werden durch pilzliche Erreger verursacht”, erklärt Koautor Jeffrey Lorch vom US Geological Survey (USGS). “Diese Krankheiten haben so schwere Auswirkungen, weil sie gleich mehrere Arten befallen können.” Hinzu kommt, dass Forscher lange annahmen, dass es nicht im Interesse von Krankheitserregern sein kann, ganze Populationen ihrer Wirte auszurotten. Doch bei den jüngsten Pilzseuchen der Amphibien und Fledermäuse sind die Erreger offenbar so aggressiv und leicht übertragbar, dass genau dies schon mehrfach vorgekommen ist.
Jetzt haben die Wissenschaftler eine weitere Tiergruppe ausgemacht, die akut durch einen pathogenen Pilz gefährdet sein könnte: die Schlangen. Im Osten der USA sind bereits 23 Arten von einer Krankheit betroffen, die von dem Pilz Ophidiomyces ophidiodiicola verursacht wird. Der Befall äußerst sich zunächst nur durch Hautveränderungen, vor allem an Kopf und Schnauze, aber auch an andern Körperteilen treten Verkrustungen und geschwürartige Hautläsionen auf. “Bei milden Fällen kann die Häutung offenbar noch gegen diese Pilzkrankheit helfen”, sagen die Forscher. “Aber die Bedingungen, in denen die Schlangen leben, können auch zu lebensbedrohlichen Infektionen führen.” Wie die Wissenschaftler beobachteten, verursachen die Hautläsionen nicht nur Gewebeverletzungen, sie beeinflussen auch das Verhalten der Schlangen: Weil diese längere Zeit zum Häuten brauchen oder sogar ihre alten Häute wegen der Hautschäden gar nicht mehr richtig abstreifen können, werden diese Schlangen eine leichte Beute für Räuber.
Nicht auf bestimmte Arten oder Lebensräume beschränkt
Um die potenzielle Gefahr durch diese pilzliche Schlangenseuche zu ermitteln, haben die Wissenschaftler untersucht, wie spezifisch der krankmachende Pilz ist: Befällt er möglicherweise nur bestimmte Verwandtschaftsgruppen innerhalb der Schlangen? Eine Analyse der bereits befallenen Schlangenarten und ihrer Verwandtschaftsverhältnisse lieferte eine Antwort – leider keine sehr gute: Die 23 bereits befallenen Schlangenarten sind nicht näher miteinander verwandt als jede beliebige andere Gruppierung von Schlangen. “Unser Modell fand keinerlei phylogenetische Spezialisierung außer: Du musst eine Schlange sein, um befallen zu werden”, berichtet Erstautor Frank Burbrink vom American Museum of Natural History in New York. “Das bedeutet: Alle Schlangen können sich infizieren oder sind es bereits.”
Ebenfalls bedrohlich ist ein zweites Ergebnis der Studie: Der Pilz Ophidiomyces ophidiodiicola scheint auch keinerlei Präferenzen für bestimmte Lebensräume der Schlangen oder Lebensweise zu haben. “Unter den befallenen Schlangenarten sind sowohl terrestrische als auch aquatische und in Bodenhöhlen lebende Arten, sie sind sowohl lebendgebärend als auch eierlegend und nachtaktiv wie tagaktiv”, berichten die Forscher. Die Ernährungsweise der Schlangen scheint dem Pilz ebenfalls völlig egal zu sein, denn zu den befallenen Spezies gehören neben wirbeltierfressende Arten auch solche, die nur Schlangen oder vorwiegend wirbellose Tiere fressen. “Das ist wirklich ein Worst-Case-Szenario”, sagt Burbrink. “Denn damit könnte Ophidiomyces ein Risiko für Schlangen auf der ganzen Welt sein.”





