Das wahre Ausmaß dieses globalen Hin und Her von Arten war bisher allerdings nur in Teilen bekannt. Für ihre Studie haben die Forscher alle verfügbaren Daten zu eingeschleppten oder eingewanderten Gefäßpflanzen weltweit zusammengetragen und ausgewertet. Sie erfassten dabei 843 Länder, Föderationen und Inseln, die zusammen immerhin 83 Prozent der gesamten Landfläche der Erde ausmachen. Van Kleunen und seine Kollegen analysierten dabei einerseits, wie viele Pflanzen sich neu in einem Gebiet angesiedelt haben, aber auch, wie stark eine Region als “Spender” von Pflanzenarten in andere Gebiete in Erscheinung tritt.
Mehr als 13.000 Neuansiedler
Das Ergebnis ist beachtlich: Immerhin 13.168 Gefäßpflanzenarten wachsen heute in Gebieten, in denen sie ursprünglich nicht heimisch waren. “Das bedeutet, dass durch den Einfluss des Menschen knapp vier Prozent aller bekannten Gefäßpflanzenarten der Erde sich außerhalb ihrer natürlichen Verbreitungsgebiete angesiedelt haben”, berichten die Forscher. Am meisten Neuankömmlinge fanden sie dabei in Nordamerika mit fast 6.000 neuen Arten, dicht gefolgt von Europa mit gut 4.000 Arten. Verwunderlich ist dies nach Ansicht der Wissenschaftler allerdings nicht: “Beide Kontinente dominieren den internationalen Handel seit Jahrhunderten”, so van Kleunen und seine Kollegen. “Und viele Pflanzen wurden für Landwirtschaft und Gartenbau aus anderen Gegenden absichtlich dorthin eingeführt.” Betrachtet man allerdings nur die Neuankömmlinge von anderen Kontinenten, dann wird Europa von Australien weit überholt. Der fünfte Kontinent hat in Bezug auf seine Fläche sogar mehr neue Pflanzenarten hinzu gewonnen als jeder andere Kontinent, wie die Forscher berichten.
Aber auch Lage und Klimazone spielen offenbar eine Rolle dafür, ob sich neue Pflanzenarten in einer Region dauerhaft einbürgern können: Kontinente mit großen tropischen Bereichen wie Afrika und Südamerika haben insgesamt sehr viel weniger neuangesiedelte Pflanzen als vorwiegend in gemäßigten Breiten liegende Kontinente”, berichten die Forscher. Einer der Gründe dafür ist die von Natur aus größere Artenvielfalt in den Tropen: Weil es nur sehr wenige freie ökologische Nischen gibt, können sich Neuankömmlinge schwerer etablieren. Zudem erholt sich die heimische Vegetation schneller von Störungen und kann so Lücken schneller wieder schließen. Eine Ausnahme bilden allerdings tropische Inseln: Gerade die pazifische Inselwelt gehört zu den Regionen, in denen der Anteil ursprünglich nicht-heimischer Gefäßpflanzen heute am schnellsten zunimmt, wie die Wissenschaftler feststellten.
Von Nord nach Süd
Aufschlussreich ist auch, woher die meisten neuangesiedelten Pflanzen kommen: “Man würde erwarten, dass die artenreichsten Regionen wie Südamerika oder das tropische Asien auch die Hauptgeber-Regionen für gebietsfremde Pflanzen sind”, so von Kleunen und seine Kollegen. Doch erstaunlicherweise ist das nicht so – im Gegenteil. Wie die Analysen zeigen, stammen die meisten woanders angesiedelten Pflanzen aus Europa und den gemäßigten Breiten Asiens. Von Europa aus haben sich 288 Prozent mehr Arten auf andere Kontinente verbreitet, als man bei zufälliger Verteilung annehmen würde, von Asien immerhin noch gut 50 Prozent mehr als erwartet. “Alle Regionen der Südhalbkugel sind dagegen unter den Gebergebieten stark unterrepräsentiert”, so die Forscher. “Die traditionell angenommene Zweiteilung Alte Welt – Neue Welt bei den biologischen Invasionen muss daher durch die Trennung in Nord- und Südhalbkugel ersetzt werden.”





