Der Sensenmann gibt seine Geheimnisse preis
Im Jahr 2011 war es Forschern gelungen, das Erbgut des Erregers der mittelalterlichen Pestepidemie aus Gebeinen eines Pestfriedhofs in England zu isolieren und zu sequenzieren. Sie konnten den Schwarzen Tod eindeutig dem Bakterium Yersinia pestis zuordnen. Doch war dieser Erreger ein Nachkömmling der Justinianischen Pest, die 800 Jahre zuvor verschwunden war? Die Forscher um Hendrik Poinar of McMaster University, konnten diese Frage nun beantworten. Sie haben 1.500 Jahre alten Zähnen von zwei Opfern der Justinianischen Pest aus Bayern das Erbgut des Erregers entlockt und es sequenziert. Es handelt sich dabei um das älteste Genom eines Stammes von Yersinia pestis.
Die Vergleiche mit allen anderen bekannten Genomen des Pest-Bakteriums zeigten: Der Erreger der Justinianischen Pest starb offenbar tatsächlich restlos aus. Das Erbgut dieser Version von Yersinia pestis unterschied sich nämlich deutlich von dem mittelalterlichen Erreger. Alle noch heute existierenden Pest-Vertreter sind Abkömmlinge des Schwarzen Todes, geht aus den genetischen Vergleichen ebenfalls hervor. Vermutlich entstanden sowohl der Verursacher der Justinianischen als auch der mittelalterlichen Pest unabhängig voneinander irgendwo in Asien. Sie reisten dann wahrscheinlich auf der Seidenstraße nach Europa.
Warum verschwand die Justinianischen Pest?
Das Ergebnis wirft nun die Frage auf: Warum verschwand die spätantike Variante völlig obwohl sie doch so „erfolgreich” gewesen war? Vermutlich hat die Bevölkerung Resistenzen entwickelt, vermuten die Forscher. Das erscheint einleuchtend: Menschen, deren Immunsystem die Pest besiegen konnte, vermehrten sich und bildeten eine Population, in der sich der Pesterreger nicht mehr dauerhaft halten konnte. Möglicherweise könnten auch klimatische Veränderung, die sich in dieser Zeit ereigneten, für den Erregerstamm ungünstig gewesen sein.
Der Verursacher der mittelalterlichen Pestwelle war hingegen hartnäckiger und hat neue Formen hervorgebracht, die sich festgesetzt haben. Die Forscher wollen nun im Erbgut der verschiedenen Formen von Yersinia pestis nach Hinweisen suchen, welche Gene für die jeweiligen Eigenschaften der Stämme verantwortlich sind. Besonders spannend ist dabei die Frage, welche genetischen Faktoren der geschichtlichen Pesterreger das Werkzeug des Sensenmannes so scharf gemacht hatten.
Informationen über die Verläufe historischer Pandemien können wichtig sein, um die Bedrohungen durch heutige Infektionskrankheiten besser einschätzen zu können, sagen die Forscher. Auch neue Pesterreger können sich immer wieder entwickeln, wie die Studie gezeigt hat. Durch den Einsatz moderner Antibiotika lassen sie sich vermutlich in Schach halten. Doch andere Erreger, wie beispielsweise Influenza-Viren, sitzen bekanntermaßen in den Startlöchern. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Menschheit ähnlich verheerende Pandemien wie in der Vergangenheit erspart bleiben.





