Wie schlimm war die Pandemie wirklich?
Als Reaktion auf die Pandemie-Warnung orderten viele Länder, darunter auch Deutschland große Mengen Impfstoff gegen diese Grippevariante. Von diesem blieb allerdings der größte Teil ungenutzt. Denn in Deutschland erwies sich die Neue Grippe als weniger folgenreich als zunächst befürchtet. Es wurden bis Mitte 2010 258 Todesfälle und 226.000 Erkrankungen gemeldet und damit weniger als bei einer normalen, saisonalen Grippewelle. Weltweit soll die Influenza H1N1 neuen Typs bis Mitte 2010 rund 18.449 Todesopfer gefordert haben, so die Angaben der WHO. Auch das ist weniger als bei vielen saisonalen Grippewellen der Fall.
Inzwischen aber mehren sich die Zweifel an den niedrigen Fallzahlen der WHO, da diese nur labordiagnostisch gesicherte Fälle umfassen. Die Zahl der Todesopfer und Erkrankten könnte daher weitaus größer gewesen sein. Deshalb hat nun ein Team von 60 Wissenschaftlern aus 26 Ländern im Auftrag der WHO den Fall neu aufgerollt. “Denn es ist entscheidend wichtig, die globalen Auswirkungen einer solchen Pandemie zu verstehen, um sich auf das nächste Mal vorzubereiten, wenn ein pandemischer Virus auftaucht”, erklärt Erstautorin Lone Simonsen von der George Washington University. Und der nächste Ausbruch kommt bestimmt, darüber sind sich die Experten einig.
Für ihre Studie sammelten die Forscher Statistiken zu Sterbefällen in 21 Ländern in verschiedenen Regionen und filterten die Todesfälle durch Atemwegserkrankungen unbekannter Ursache heraus. Mit Hilfe verschiedener statistischer Verfahren ermittelten sie daraus in Verbindung mit den Fallzahlen und den Verbreitungskarten der WHO die Zahl der wahrscheinlichen Todesfälle durch die Influenza H1N1 neuen Typs.
Zehnmal mehr Tote – mindestens
“Die Studie bestätigt, dass das H1N1-Virus weitaus mehr Menschen getötet hat als ursprünglich angenommen”, sagt Simonsen. Statt “nur” 18.4499 kamen die Forscher auf bis zu 203.000 Tote weltweit – mehr als zehnmal so viel. Aber es könnten sogar bis zu 400.000 sein, wie sie betonen. Denn gerade die “Schweinegrippe” führte oft dazu, dass sich Vorerkrankungen wie beispielsweise Herz-Kreislaufleiden stark verschlimmerten und die Patienten letztlich an ihnen starben und nicht an der Grippe direkt. Ihre Todesfälle tauchen daher in der Statistik nicht bei den Influenzatoten auf.
Auch im Hinblick auf die Verteilung der Todesfälle kamen die Forscher zu anderen Ergebnisse als die ersten WHO-Berichte: Während diese vor allem Afrika und Südostasien als die am schwersten betroffenen Regionen sahen, ist in der neuen Verteilungskarte der amerikanische Kontinent ein “Hotspot”: Dort war die Mortalitätsrate der “Schweinegrippe” 20-fach höher als anderswo in der Welt. Am schwerwiegendsten verlief die Krankheit bei Menschen in Mexiko, Argentinien und Brasilien. Weitaus geringer war dagegen die Mortalität in Australien und dem größten Teil Europas. Warum dies so war, bleibt allerdings unklar. Das müsse nun weiter untersucht werden, so die Forscher.





