Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans und Menschen: Wir gehören zu einer Gruppe der Primaten, die als Menschenaffen – Hominiden – bezeichnet werden. Alle Vertreter dieser Familie sind evolutionäre Nachkommen eines gemeinsamen Vorfahren, der vor Jahrmillionen die vier Entwicklungslinien hervorbrachte. Eine breitete sich dabei in Asien aus und führte zu den Orang-Utans, die sich bis heute in den Wäldern der Inseln Sumatra und Borneo durchs Geäst hangeln.
Wie alle Vertreter der Menschenaffen besitzen Orang-Utans vergleichsweise komplexe kognitive Fähigkeiten. Diese betreffen auch ihre Kommunikation: Sie sind dafür bekannt, dass sie Laute mit speziellen Bedeutungen von sich geben. Doch die Töne, über die Adriano Lameira von der University of Warwick und seine Kollegin Madeleine Hardus nun berichtet, sind etwas Besonderes. Ihre Ergebnisse basieren dabei auf der akustischen Analyse von Lautäußerungen, die von Orang-Utans aus zwei nicht miteinander verbundenen Populationen stammen – aus Borneo und Sumatra.
Besonderes herausgehört
Wie sie berichten, stießen sie bei beiden Populationen auf ein klangliches Phänomen, das sie als biphonische Rufe bezeichnen. In den Klanganalysen zeichnete sich demnach ab, dass es sich um Laute handelt, die aus zwei Komponenten bestehen. Der Mensch bringt sie bei der Sprache in der Regel getrennt hervor: “Wir verwenden Lippen, Zunge und Kiefer, um die stimmlosen Laute der Konsonanten zu erzeugen. Die stimmhaften, offenen Laute der Vokale bringt der Mensch hingegen hervor, indem er die Stimmlippen im Kehlkopf mit ausgeatmeter Luft aktiviert“, erklärt Lameira. Orang-Utans sind ebenfalls in der Lage, beide Arten von Lauten zu erzeugen. Wie die Forscher nun zeigen konnten, gelingt ihnen das allerdings auch simultan.
Konkret stellten sie dies bei zwei Lautäußerungen fest, denen sie auch einen Kontext zuordnen konnten: Männliche Orang-Utans auf Borneo erzeugen demnach in Konfliktsituationen gleichzeitig ein „kauendes“ Geräusch mit dem Mund und ein knurrendes mit dem Kehlkopf. Bei weiblichen Orang-Utans in Sumatra identifizierte das Team hingegen einen biphonischen Ruf, der aus der Kombination eines “Kussquietschens” mit dem Mund und einem „rollenden Ton” aus der Kehle besteht. Dieses Kommunikationselement wird offenbar eingesetzt, um Artgenossen auf die Anwesenheit eines möglichen Raubtiers aufmerksam zu machen, sagen die Wissenschaftler. “Dass wir in zwei verschiedenen Orang-Utan-Populationen biphonische Rufe gefunden haben, belegt, dass es sich um ein grundlegendes Phänomen handelt”, so Lameira.
Interessante Parallele
Bisher ist das Konzept von Singvögeln bekannt, sagen die Forscher. Doch deren Anatomie und Lauterzeugungssystem ist dabei speziell. Interessanterweise sind allerdings auch wir mit etwas Training zu einer ausgeprägt biphonischen Klang-Produktion fähig: “Für Menschen ist gleichzeitig stimmhafte und stimmlose Geräuscherzeugung ungewöhnlich, eine Ausnahme bildet dabei allerdings das Beatboxing“, sagt Hardus. Bei dieser Technik werden Perkussionsrhythmen der Hip-Hop-Musik imitiert, indem teilweise Mund, Rachenraum und Stimme gleichzeitig zum Einsatz kommen.





