Für ihre Studie werteten die Forscher 2,38 Millionen Datensätze zur Entwicklung und Bedeutung von fast 40.000 Arten an knapp 19.000 Orten auf der Erde aus. Die Daten stammten aus der PREDICTS -Datenbank (Projecting Responses of Ecological Diversity in Changing Terrestrial Systems), einem Projekt, das für verschiedenste Biome und Gebiete auf der Erde erfasst, wie sich die Biodiversität und Artenzusammensetzung im Laufe der Zeit verändert. Aus diesen Informationen rekonstruierten die Forscher, wie stark diese Verluste seit vor Beginn der menschlichen Eingriffe waren. Der gängigen Annahme nach wird die planetare Belastungsgrenze der Biodiversität dort überschritten, wo zehn Prozent der Organismenhäufigkeit und 20 Prozent der Artenzahlen verloren gehen – allerdings sind die Unsicherheitsfaktoren für diese Grenzwerte noch recht hoch. “Wir haben uns gefragt, wie viel von der Landfläche der Erde bereits auf diese Weise biotisch geschädigt ist”, sagen Newbold und seine Kollegen. Ihre Studie sei dabei die bisher erste, die die Auswirkungen des Artenverlusts so detailliert quantifiziere.
Grenze in 58 Prozent der Landfläche überschritten
Das Ergebnis ist alarmierend: “Wir stellen fest, dass die Biodiversität in einem Großteil der Welt bereits unter der von Ökologen angesetzten planetaren Grenze liegt”, berichtet Newbold. In 58,1 Prozent der weltweiten Landfläche ist die Artenvielfalt demnach bereits so stark gesunken, dass die Ökosysteme ihre für den Menschen wichtigen Funktionen kaum noch erfüllen können. Geht man von einem Grenzwert bei 20 Prozent Artenschwund aus, dann sind es immerhin noch gut ein Drittel der Landfläche. Ursache dieser Entwicklung sind vor allem Eingriffe in die Lebensräume durch die Landnutzung. “Unsere Daten deuten darauf hin, dass neun der 14 terrestrischen Biome der Erde bereits die planetare Grenze überschritten haben”, sagen die Forscher. Am stärksten betroffen sind dabei Grasland-Biome wie Steppen und Prärien, sowie Savannen und Strauchlandschaften. Aber auch die Lebensgemeinschaften vieler Wälder und von einzigartigen Hotspots der Artenvielfalt haben mittlerweile so starke Verluste erlitten, dass sie in ihrer Funktion stark beeinträchtigt sind. Wenig überraschend sind die Auswirkungen in den Gebieten am stärksten, in denen die menschliche Besiedlung am dichtesten ist.
Die Wissenschaftler warnen vor den Folgen, sollte diese Entwicklung unverändert so weitergehen. “Weltweit machen sich die politischen Entscheider viele Gedanken über wirtschaftliche Rezessionen, aber eine ökologische Rezession könnte sehr viel schwerwiegendere Konsequenzen haben”, erklärt Koautor Andy Purvis vom Natural History Museum in London. Schon jetzt seien die Einbußen in der Biodiversität so stark, dass genau dies geschehen könnte. “Wenn es uns nicht gelingt, die Artenvielfalt zu erhalten, spielen wir ökologisches Roulette.” Nach Ansicht der Forscher kann in vielen Gebieten der Erde die Funktion der Ökosysteme nur noch dann erhalten werden, wenn wir Menschen handeln. “Wir müssen versuchen, die noch verbleibenden Gebiete naturbelassener Vegetation zu schützen und die vom Menschen veränderten und genutzten Landflächen wieder zu renaturieren”, meint Newbold. “Das hilft nicht nur der Artenvielfalt, sondern langfristig auch dem menschlichen Wohlergehen.”





