Radioaktiver Niederschlag von oberirdischen Atomwaffentests hat bei Einwohnern aus der Nähe des ehemaligen sowjetischen Atomwaffentestgeländes in Semipalatinsk die Mutationsrate ihres Erbguts nahezu verdoppelt. Das berichtet ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Yuri Dubrova von der University of Leicester, Großbritannien, in der Fachzeitschrift Science (Vol. 295, S. 1037). Mit der abnehmenden Strahlenbelastung verringerte sich auch die Mutationsrate.
Zwischen 1949 und 1989 wurden auf dem Testgelände 470 Atomwaffen unterirdisch aber auch oberirdisch getestet. Die Einwohner aus der Umgebung des Testgeländes wurden besonders stark durch den radioaktiven Niederschlag der oberirdisch durchgeführten Tests belastet. Die vier oberirdischen Tests, die zwischen den Jahren 1949 und 1956 durchgeführt wurden, trugen alleine zu 85 Prozent der gesamten Strahlenbelastung bei. Die heutige Strahlenbelastung ist nur noch sehr gering.
Die Wissenschaftler ermittelten die Mutationsrate bei vierzig Familien aus der Nähe des Testgebiets und verglichen sie mit den Mutationsraten einer Kontrollgruppe. In jeder der untersuchten Familien lebten drei Generationen – Kinder, Eltern und Großeltern. Um festzustellen, ob die Strahlung zu Mutationen in Zellen der Keimbahn, also Ei – und Samenzellen führte, ermittelten sie die Haufigkeit der Mutationen bei den Eltern und Kindern. Da die Eltern und Kinder erst nach den oberirdischen Tests geboren wurden, waren sie kaum einer Strahlenbelastung ausgesetzt – dennoch stellten die Wissenschaftler bei ihnen mehr Mutationen als bei den unbelasteten Kontrollfamilien fest. Daraus schlossen sie, dass die Mutationen vererbt worden sind. Die Wissenschaftler stellten weiterhin fest, dass die vererbte Mutationsrate umso geringer war, je später die Eltern der jeweiligen Veruschsperson geboren waren. Da die Strahlenbelastung im Laufe der Zeit zurueckging, schliessen die Wissenschaftler, dass deshalb auch die Mutationsrate abnahm.
Ob die Mutationen sich auf die Gesundheit der betroffenen Personen ausgewirkt haben, ist nicht bekannt. Dubrova erklärte, dass an der Bevölkerung aus der Nähe des Testgebietes eine derartige Untersuchung nicht mehr durchgeführt werden kann, da dort nur noch wenige Personen leben, die schon zur Zeit der Atomwaffentests gelebt haben.
Ralf Möller





