Text: Ralf Stork
Oasen sind tief im kulturellen Gedächtnis der Menschheit verankert. Selbst wer noch keine gesehen hat, hat vermutlich ein klares Bild vor Augen: Eine Gruppe hochaufgeschossener Palmen in einer ansonsten trockenen Landschaft. Ein Ort des Überflusses. Wasser, das in der Wüste fließt, Schatten unter einer erbarmungslosen Sonne, Früchte, wo sonst wenig wächst, wenig überleben kann.
Sie tauchen häufig in den Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“ auf, haben es – beispielsweise als Wellness- oder Ruhe-Oasen – in unseren Wortschatz geschafft und in die heiligen Schriften der Juden, Christen und Muslime: „Die Beschreibungen des Garten Eden, die sich in der Bibel oder im Koran finden, vermitteln im Grunde Bilder von Oasen“, sagt Andreas Bürkert. Er ist Leiter des Fachgebiets Ökologischer Pflanzenbau und Agrarökosystemforschung in den Tropen und Subtropen an der Universität Kassel und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Oasen. „Das Paradies, das den Gottesfürchtigen versprochen ist, ist so beschaffen: In seinen Niederungen (…) fließen Bäche. Und es hat andauernd Früchte und Schatten“, heißt es zum Beispiel im Koran (Sure 13, Vers 35).
„Mich hat schon immer interessiert, wie Menschen einer Natur, die Nein sagt, ein Ja abtrotzen können“, erklärt Bürkert seine Faszination für die Wüstenorte. Für seine Untersuchungen über Oasen nutzt er seit mehr als 30 Jahren unter anderem Fesseldrachen, Ballons oder heute Drohnen mit Kameras und Messinstrumenten, um Veränderungen von Anbaustruktur, Wassernutzung und Bewirtschaftungsmaßnahmen im Zeitverlauf zu verstehen.
Was er und andere Oasenforschenden dabei beobachten: Auf der ganzen Welt geraten Oasen in Bedrängnis, wegen Übernutzung der knappen Ressource Wasser in einem von Trockenheit geprägten Gebiet und wegen der Abkehr von der traditionellen Bewirtschaftung. „Die Gefahr ist groß, dass in den kommenden Jahren viele der Oasen, die zum Teil Jahrtausende überdauert haben, verloren gehen“, sagt Andreas Bürkert.
Fragiles Gleichgewicht
Oasen sind ausgeklügelte sozioökologische Systeme, die zum Teil seit Jahrtausenden bestehen und sehr anfällig auf Veränderungen reagieren. Im Laufe der Zeit haben Menschen besondere Methoden entwickelt, die eine nachhaltige Landwirtschaft auch unter Extrembedingungen möglich macht: Um den begrenzten Raum bestmöglich zu nutzen und um die Verdunstung zu minimieren, werden in vielen Oasen Pflanzen zum Beispiel übereinander, quasi in Stockwerken, angebaut. Eine zentrale kulturelle und ökologische Rolle spielt in den Oasen im nördlichen Afrika und der Arabischen Halbinsel die Dattelpalme. Sie versorgt die Bewohner mit nahrhaften Früchten (und einem begehrten Handelsgut), spendet Schatten und ist tolerant gegenüber Salzstress, wie er im Wüstenklima wegen der hohen Verdunstung in Böden häufig vorkommt.





