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Selbstversuch: Nur gerettetes Essen essen
Foodsaver retten überschüssige Lebensmittel vor der Mülltonne und geben diese privat oder durch öffentliche Verteiler weiter. Aber reicht das Angebot, um sich ausschließlich von gespendetem Essen ernähren zu können? Ein Selbstversuch.
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Text: Oliver Rast
Montagfrüh schlurfe ich übernächtigt vom Bett in die Küche. Ein Blick in die Vorratskammer zeigt mir zwei angebrochene Packungen Nudeln, zwei Büchsen mit im eigenen Saft liegenden Ölsardinen, und einmal Gemüse im Glas. Im Kühlschrank sieht es ähnlich übersichtlich aus: eine offene Tüte Vollmilch, ein angebrochener Becher Joghurt, eine Handvoll älterer Tomaten und ein paar Scheiben Edamer. Nach dem Wochenende sind nur noch ein paar klägliche Reste da. Üblich wäre, jetzt Nachschub beim Supermarkt an der Ecke zu besorgen.
Heute aber nicht, denn es ist der 26. Mai – der Tag der Lebensmittel-Rettung – und ich möchte etwas anderes ausprobieren. Rechnerisch gehen laut World Wide Fund for Nature (WWF) Österreich alle von Jahresbeginn bis zum 26. Mai hergestellten Esswaren entlang der Wertschöpfungskette verloren.
Um dieser Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken, gibt es heutzutage bundesweit in vielen Städten ein engmaschiges Netzwerk von ehrenamtlich Engagierten, die die Rettung von Backwaren, Obst, Gemüse, Käse, Wurst, Molkereiprodukten, Süßigkeiten, bisweilen Fleisch und ausnahmsweise auch mal Spirituosen organisieren. Bevor die Lebensmittel in der Tonne landen, holen Foodsaver sie ab und geben sie kostenfrei weiter, etwa durch Essensverteiler oder Abholung im privaten Haushalt.
Doch wie verbreitet ist Foodsharing mittlerweile ? Kann man sich ausschließlich von geretteten und gespendeten Lebensmitteln ernähren?
Ganz klar: ein Selbstversuch muss her. Eine Woche lang nur gerettete Lebensmittel verzehren. Essen, was andere weggeworfen und eigentlich als Müll deklariert haben. Die Website Foodsharing.de verschafft mir den ersten Aha-Effekt, wo ich starten kann. Die vor 13 Jahren ins Leben gerufene Plattform vernetzt Lebensmittelretter miteinander und bietet eine lokale Übersicht: Auf einer Karte sind Sammelstationen der abgefragten Region eingezeichnet, an denen es Lebensmittel gibt. Allein im Bezirk Brühl bei Köln gibt es beispielsweise mehr als 60 aktive Foodsaver. Einige sind im Dauereinsatz und klappern die aktuell 26 Betriebskooperationen, etwa Lebensmitteleinzelhändler, im Bezirk ab. Ich markiere mir einige der Ausgabe- und Verteilerorte. In den kommenden Tagen will ich dort vorbeischauen.
Viel läuft privat über Social Media
Bereits kurz vor Mittag bekomme ich eine Nachricht in einer lokalen Foodsharing-WhatsApp-Gruppe: „Unverhofft kommt oft. Supermarktware, 12:30 Uhr.“ Abholung bei der Malou FairGabestelle. Bei der Fahrt dorthin stelle ich fest, dass es sich dabei um ein Einfamilienhaus in einer ruhigen Straße abseits des Stadtzentrums handelt. In der Einfahrt steht ein silberfarbener Kombi, die Hecktür ist weit geöffnet. Ein halbes Dutzend schwarzer, rechteckiger Plastikkörbe voller Lebensmittel steht im Schatten an der Hauswand. Das Angebot ist recht breit: Diverse verpackte Salate, Bündel mit weißem Spargel, Möhren und Radieschen, Schalen mit Champignons, Paprika, gelbe und orangene; Nudeln en masse. Dazu in einer Kühltasche Kräuterquark, Schmand, Crème fraîche. Und als Bonbon eine kleine Plastikpalette mit Schoko-Osterhasen – Überbleibsel der vergangenen Feiertagszeit.
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Eine Mutter mit vier Kindern hat sich bereits versorgt und rückt zufrieden mit ihrer Familie ab. Ein anderer stellt sich als Dauergast der FairGabestelle vor, packt seinen Jutebeutel aus dem Rucksack und prüft Salate und Spargelbünde auf Konsistenz und Frische. „Alles top, wie eigentlich immer“, sagt er und verstaut seine Ausbeute. Wie ist das, kann man sich mit geretteten Lebensmitteln auskömmlich ernähren und bevorraten?, möchte ich von ihm wissen. „Durchaus, ich decke meinen Tagesbedarf zu 80 bis 90 Prozent mit Esswaren aus dem Foodsharing“, antwortet er und schiebt dabei seine Schiebermütze aus dunkelgrauem Leinen tiefer in die Stirn.
Einen Augenblick später kommt eine Anwohnerin angeschlendert mit Puschen und in Jogginghose. Nur so auf die Schnelle, bemerkt sie. Ein bisschen Gemüse brauche sie für den Eintopf, die beiden Kids kämen in zwei Stunden aus der Schule. Deutlich wird: Foodsharing-Orte sind kleine soziale Hotspots, an denen die Community zusammentrifft.
Wieder daheim angekommen, packe ich die Mitbringsel aus der Lebensmittelrettung aus, dann gehts ran an den Herd: Scharf gebratene Bratlinge aus Brotstückchen mit Gemüsesoße und Salatallerlei kommen zustande – eine vollwertige Mahlzeit. Wohl genährt und satt kann es in die Nacht und dann in den nächsten Tag gehen.
Ich werfe einen Blick ins Internet, denn Facebook ist eine weitere Kontaktbörse: Die Offizielle Foodsharing Gruppe Köln hat mehr als 10.000 Mitglieder – und jetzt eines mehr. Auch hier können sich Mitglieder melden, wenn sie Lebensmittel abzugeben haben, oder sich gegenseitig über Aktionen informieren. Irgendwer aus der Dom-Metropole am Rhein wird bestimmt etwas übrig haben für den heutigen Tag. Stimmt: „Hallo, wir haben von einem Event eine Platte Falafel, Hummus, Salat und Brot übrig.“ Der Spender nennt den Abholort mit dem Hinweis: „Bitte eigene Behälter zum Mitnehmen mitbringen.“ Bis 22 Uhr habe ich Zeit, vorbeizukommen – das schaffe ich locker. So einfach ist eine weitere persönliche Versorgungslücke mit Naturalien geschlossen. Ganz ohne Zutun, aber trotzdem sehr lecker.
Öffentliche Verteiler sind begehrt
Am Mittwoch mache ich Ausflüge in mehrere Stadtteile Kölns. Aktuell gibt es neben vielen privaten FairGabestellen nämlich auch 18 öffentliche sogenannte Fair-Teiler. Das sind Orte, an denen Kühlschränke, Regale oder auch Fahrräder mit Boxen stehen. Dort können alle Essen abholen oder als Spende abliefern. Manche Fair-Teiler stehen frei zugänglich, andere wurden in Läden, Cafés oder anderen Räumlichkeiten aufgebaut und können nur während der Öffnungszeiten besucht werden. Die Fair-Teiler erstrecken sich in Köln über das ganze Stadtgebiet; linksrheinisch, rechtsrheinisch, in Sülz, Lindenthal, Ehrenfeld oder in Deutz, Kalk und Mülheim. Auch in der Südstadt gibt es Standorte.
Im Karthäuserwall 18, einem Areal mit Werkstätten von Kunst- und Kulturschaffenden, versuche ich es zuerst. Der Verteiler lehnt an einem steingrauen Metallzaun am Kinderspielplatz – es ist ein angekettetes Fahrrad mit Gepäckständer. Darauf sind vier Brotkästen montiert, in denen sich wiederum rund ein Dutzend weiße Plastiktüten mit verschiedenen Brötchen befinden. So ist alles vorab portioniert und wird frisch gehalten.
Eine ältere Frau steuert zielsicher den Verteiler an. Sie wirkt rüstig und agil trotz Rollator als Gehhilfe – ein kölsches Original. Ja, die Inflation der vergangenen zwei, drei Jahre habe kräftig ins Kontor geschlagen, sagt sie. Rentnerinnen seien besonders betroffen. Das weiß sie und hört es auch immer wieder in Gesprächen mit Altersgenossinnen. Doch auch andere Anwohner würden den Umschlagplatz regelmäßig aufsuchen, die Bedürftigen immer mehr werden: „Freitagmorgens stehen die ersten schon Schlange.“
Auch ihre Kinder würden als Geringverdiener ab und an die öffentlichen Verteiler aufsuchen, erzählt sie. Zeitlich sei das neben der Arbeit oft nicht einfach, aber am Monatsende sei wie bei so vielen die Kasse leer. „Und warum nicht Geldsparen, das Portemonnaie schonen?“, fragt sie, bevor sie zwei Beutel mit Backwaren an ihre Gehhilfe hängt und die Straße entlang heimwärts zieht.
Lebensmittelspenden nehmen ab
Meine erbeuteten Kornbrötchen und Schusterjungen sind gut, auch das Krustenbrot. Es reicht aber noch nicht, denn am nächsten Tag ist Feiertag. Also geht es weiter: Mit der U-Bahn fahre ich zum Bürgerzentrum Ehrenfeld in der Venloer Straße. Nach rund 500 Metern erreiche ich das BÜZE, wie das Bürgerzentrum abgekürzt heißt. Auch hier ist direkt klar, dass es sich um einen Begegnungsort der Nachbarschaft handelt. Zahlreiche Initiativen und Selbsthilfegruppen gibt es hier, Dutzende Einzelpersonen und Familien mit Kindern sind auf dem weitläufigen Gelände und in dem dreistöckigen Gebäude unterwegs. Nur sehe ich nirgendwo einen Verteiler.
Auf Nachfrage erklärt mir eine Thekenkraft im BÜZE-Café den Weg – ich muss eine Wendeltreppe hinunter ins Untergeschoss. In den zwei mehrstöckigen Regalen, dem Verteiler, finde ich aber aber nur einige zusammengeklappte grüne Plastikboxen, keine Lebensmittel. Schade. Ich versuche es noch nebenan bei einem Umsonstladen. Doch auch dort sind die Regale leer, im Kühlschrank fristen nur drei Becher Kraut- und Wurstsalat ein kümmerliches Dasein. „Wir haben heute noch nichts bekommen“, erklärt eine Mitarbeiterin auf Nachfrage. Feste Zeiten, wann etwas geliefert wird, gebe es nicht. „In den letzten Jahren ist es schwieriger geworden, das Angebot wird kleiner und seltener“, fügt ihre Kollegin hinzu. „Aber bei uns kriegen Sie einen Kaffee mit Milch.“ Immer und umsonst.
Foodsharing ist auch Glückssache
Auf meinem Zettel stehen noch zwei Orte. Zuerst geht es für mich in die Innenstadt. Nahe des Knotenpunkts Neumarkt, der bundesweit am stärksten frequentierten Einkaufsmeile, steht ein weiteres Verteiler-Fahrrad. Es ist rund um die Uhr zugänglich, aber schon aus der Entfernung erkenne ich, dass es wohl wieder nichts wird. Das Rad scheint bereits seit Längerem nicht mehr befüllt worden zu sein.
Der letzte Verteiler ist nochmal deutlich weiter weg und ich bin nun schon seit zweieinhalb Stunden mit Öffentlichen Verkehrsmitteln in der Stadt unterwegs. Kurzentschlossen rufe ich bei der Verteilstelle an, um zu fragen, ob Lebensmittel gespendet wurden – ich will den weiten Weg nicht umsonst machen. Ein Anrufbeantworter springt an, die helle Stimme sagt, im Moment sei niemand zu sprechen, aber man könne auf dem Band eine Nachricht hinterlassen. Ich merke: Einfach nur Fair-Teiler-Stellen aufzusuchen, reicht für eine sichere Versorgung nicht aus. Du kannst Glück haben und triffst auf einen gerade gefüllten Abgabeort, du kannst aber auch Pech haben. Dann wird die Suche nach Lebensmitteln aufwendig, anstrengend und zeitraubend und bleibt sogar ohne Ergebnis. Zum Glück habe ich noch andere Möglichkeiten.
Für heute und die nächsten Tage rettet mich die Foodsharing-WhatsApp-Gruppe aus Brühl im Kölner Umland: Beinahe wie im alten Tante-Emma-Laden liegt an der Abgabestelle eine große Sammlung bereit, aus der ich wählen kann. Aus meinen mitgebrachten Lebensmitteln werden leckere Bandnudeln mit reichhaltiger Gemüsesoße und tags drauf angebratene Weißkohlstreifen mit Tomatenmark und Spaghetti – beides köstlich.
Es geht auch geplant
Am Samstag gleicht die Suche nach geretteten Lebensmitteln erneut einer Odyssee. Ich wage mich weit hinaus und hoffe, dass es sich lohnt. Mein Ziel ist Worringen, ein Bezirk im äußersten Nordwesten Kölns. Ich will zu den Foodsavern im alten Ortskern. Mit ihrem eingetragenen Verein EssensRetter betreiben die Ehrenamtlichen dort einen eigenen Laden. Vor Ort ist das Schaufenster mit seinem Interior kaum von einem herkömmlichen Einkaufsladen zu unterscheiden: Links vom Eingang ist ein meterlanges Gestell aufgebaut und mit Auslagen prall gefüllt: Allerlei Obst und Gemüse, das volle Programm. Rechts davon stehen vier gut bestückte Kühlschränke; selbst Nudelfertiggerichte stehen zur Auswahl.
Im Laden bin ich mit Ranjen Mehra, dem ersten Vorsitzenden der Worringer Essensretter, verabredet. Mehra erzählt, dass es ein Teil ihres Konzepts sei, Bedürftige zu unterstützen. Dahinter stehe aber als Zweck des Vereins das Retten von noch verzehrfähigen Lebensmitteln vor der Mülltonne. Sein Motto sei: Nachhaltigkeit statt Bedürftigkeit. Dass das verstanden wird, zeige sich auch an der Klientel, so Mehra. Regelmäßig kämen auch Personen mit dicken, teuren Autos vorgefahren, um einen Teil ihres Tagesbedarfs bei den Essensrettern zu decken. „Sie sind nicht bedürftig, es mangelt ihnen an nichts. Sie unterstützen aber unsere Idee, verzehrbare Lebensmittel vor der Tonne zu retten“, meint Mehra.
Im Laden ist viel Betrieb, sechs Tage die Woche ist nachmittags geöffnet. Mehra setzt auf ein ständig neues, erweitertes Angebot. Im Gegensatz zu den vorherigen Standorten wirkt der Ablauf hier gut organisiert: Im Schnitt sammeln sich 50 bis 60 Personen vor dem Laden, dann zieht jede und jeder aus einem Kunststoffbehälter ein Zettelchen mit einer Ziffer – die bestimmt die Reihenfolge. So entsteht kein Stress nach dem Motto: wer zuerst kommt, bekommt das Beste oder meiste. Stattdessen geht es per Glück nach dem Los-Prinzip. Das Verfahren hat sich bewährt, denn so muss sich niemand schon Stunden vorher die Beine in den Bauch stehen, betont Mehra.
Zudem ist begrenzt, wie viel mitgenommen werden darf: Alle nehmen sich eine handliche, flache Plastikbox. Ist die voll, ist das Limit erreicht. So bekommen alle etwas.
Auch wie der Laden aufgebaut ist, haben sich die Essensretter genau überlegt: Von schwer nach leicht, von hart nach weich werden die Auslagen bestückt. So kommen Kohlrabi und Rettich, Melone und Äpfel unten in die Tragetasche, Blattsalat, Babyspinat, Erdbeeren und Aprikosen hingegen oben auf. Auch ich schnappe mir nun eine Plastikbox.
Was bleibt am Ende?
Nach einer Woche liegt der Selbsttest hinter mir. Mein Fazit? Eine kostenlose tägliche Vollverpflegung ist definitiv möglich – mit Abstrichen. Fleisch ist bei den Sammelstationen selten, Wurst teilweise auch. Spirituosen gibt es nur in Ausnahmefällen. Alle anderen Lebensmittel bekommt man problemlos.
Das Problem liegt woanders, nämlich bei den öffentlichen Verteilern der Foodsaver: Körbe und Regale der Anlaufpunkte sind oft leer. Feste Zeiten, wann Nachschub kommt, gibt es zumeist nicht. Außerdem sind die Anfahrtswege teils lang. Will man seine Woche planen und erfolgloses Herumfahren sicher ausschließen, sollte man sich auf die Suche nach einer vereinsgeführten oder anderweitig organisierten Stelle umschauen. Es braucht offensichtlich Menschen, die sich kümmern. Wer Zeit hat oder spontan sein möchte, kann auch von einer Mitgliedschaft in einer örtlichen WhatsApp- oder Facebook-Gruppe der Lebensmittelretter profitieren. Teils mehrmals täglich haben Engagierte dort Abholtermine und -orte bekannt geben – und meine Versorgung gesichert. //
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