Alles begann damit, dass Forscher der Universität Konstanz einen DNA-Abschnitt im Erbgut eines Neunauges fanden, der dort eigentlich nicht hingehörte. Den gleichen Abschnitt entdeckten sie auch in anderen Fischen, aber nicht in allen Arten. Nach einer Weile kristallisierte sich ein Muster heraus: Alle Fische, die den geheimnisvollen Abschnitt besaßen, leben nördlich vom Äquator und werden von Neunaugen gerne als schwimmende Imbissbude benutzt.
Neunaugen sind lebende Fossilien, die Aalen sehr ähnlich sehen. Sie besitzen keinen Kiefer, dafür aber ein Saugmaul, mit dem sie sich ihre Nahrung aus anderen Fischen beschaffen. ?Neunaugen beißen sich an der Außenhülle des Fisches fest, raspeln sich mithilfe von zahnähnlichen Knorpeln durch die Haut, und trinken das Blut ihres Opfers. Dabei nehmen sie auch die DNA des anderen Fisches mit auf?, sagt Axel Meyer, Evolutionsbiologe an der Uni Konstanz. So wird der DNA-Abschnitt wahrscheinlich vom Opfer ins Neunauge gelangt sein.
Normalerweise wird Erbgut von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben, von einer Generation zur nächsten. Doch es gibt auch eine andere Möglichkeit: Statt Erbinformationen sozusagen von oben nach unten zu transportieren ? Forscher sprechen hier von vertikalem Gentransfer ?, können sie auch innerhalb einer Generation zwischen verschiedenen Individuen ausgetauscht werden. Wichtig ist, dass dieser sogenannte horizontale Genfluss auch zwischen unterschiedlichen Arten passieren kann. Er ist relativ selten und vor allem bei Mikroorganismen zu beobachten. Doch jetzt glauben die Wissenschaftler, diesen Genfluss auch beim Neunauge entdeckt zu haben.
?Es wird nicht bei jedem Neunaugen-Biss DNA vom Opfer in das Erbgut des Neunauges übernommen. Damit das passiert, müssen wahrscheinlich viele Umstände verkettet sein?, sagt Meyer. Welche Faktoren das genau sind, wissen die Forscher noch nicht. Fest steht aber, dass der Transfer in beide Richtungen, also auch vom Neunauge zu anderen Fischarten vorgekommen ist ? und dass das Ganze mehr als einmal passiert ist. Insgesamt scheinen 0,7 Prozent des Neunaugen-Genoms aus Teilen zu bestehen, die durch horizontale Übertragungen aufgenommen wurden.
Shigehiro Kuraku (Universität Konstanz) et al.: Genome Biology and Evolution, doi:10.1093/gbe/evs069 © wissenschaft.de ? Sabine Kurz





